Wie ich einmal nicht wegkam

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Janne*, 28, hatte genug von ihrem Leben in Berlin. Acht Wochen gab sie sich, um das zu tun, wovon viele ihr Leben lang reden: Sie reduzierte ihr Hab und Gut auf einen einzigen Koffer und wollte auswandern. Als sie Stunden vor dem Abflug auf den Nachmieter ihrer Wohnung wartet, flattert ein Brief ins Haus. Ihre Ärztin hat eine Vorstufe von Gebärmutterhalskrebs diagnostiziert. Janne muss operiert werden und ihren großen Plan auf Eis legen. Ein Jahr lang, sagt die Ärztin, soll sie für Nachuntersuchungen in der Stadt bleiben. Ein Gespräch über Besitz und Schicksal. jetzt.de: Janne, wohin wolltest du auswandern? Janne: Das war erstmal egal. Hauptsache endlich weg aus Berlin. Ich arbeite als Stewardess. Einziges Kriterium war daher, einen Ort auszusuchen, von dem aus ich weiterhin gut fliegen kann. Die Wahl fiel auf Barcelona, das liegt am Meer und hat einen entspannten, aber trotzdem lebendigen Ruf. Und Spanisch wollte ich schon immer lernen. jetzt.de: Kanntest du dort jemanden? Janne: Nein. Das war auch die erste Frage meiner Freunde: ,Du hast doch bestimmt einen Spanier kennengelernt und willst deshalb dorthin!‘ Aber es ging bei dieser Ausreiß-Aktion tatsächlich nur um den puren, unbefleckten Neuanfang. Ich bin jetzt seit fast zwölf Jahren in Berlin. Damals habe ich mir mit dem Umzug in die Hauptstadt einen Traum erfüllt, aber irgendwann hat es gereicht. Das typische „Ich-bin-einfach-schon-zu-lange-in-Berlin“-Syndrom. Ich fing an, eine irrationale Wut gegen diese Stadt zu entwickeln. jetzt.de: Der wolltest du dich aber nicht so einfach ergeben. Janne: Genau! Alle reden immer davon, Berlin zu verlassen und woanders neu anzufangen. Machen tut es doch keiner. Anfang Oktober merkte ich, dass sich der Zustand meiner Unzufriedenheit langsam zu einer Art ernsten Unglücklichseins formte. Ich dachte: ,Jetzt reicht’s!‘ und wollte den Impuls nutzen, bevor ich zu träge wurde. jetzt.de: Wie ging es weiter? Janne: Ich gab mir genau acht Wochen, um alles in die Wege zu leiten. jetzt.de: Wie kam es zu der radikalen Koffer-Idee? Du hättest deine Sachen ja auch erstmal irgendwo unterstellen können. Janne: Der Gedanke gefiel mir aber nicht. Wenn ich stets im Hinterkopf gehabt hätte, dass in Berlins Kellern noch etwas von mir klebt, wäre das Gefühl der altlastenlosen Freiheit nicht mehr da gewesen. Ich wollte vogelfrei nach Barcelona gehen – gerade weil ich ja auch noch nicht wissen konnte, ob ich überhaupt dort glücklich werden würde. Ich wollte unabhängig genug sein, von dort aus weiterreisen zu können.

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Illustration: Julia Schubert

Janne, zu Hause. jetzt.de: Wie hast du mit dem Ausmisten begonnen? Janne: Mit meinen Möbeln habe ich es mir einfach gemacht und sie mitsamt meiner Wohnung weitervermietet. Ansonsten habe ich rigoros aussortiert, was doppelt war. Wozu fünf Bettbezüge, sieben Handtücher und zehn Lidschatten? Ich neige auch dazu, mir meine Lieblingsklamotten in mehreren Ausführungen zu kaufen. Schließlich habe ich das Arche Noah-Prinzip angewandt und immer nur eine Ausführung behalten. Alles Aussortierte landete auf einem Haufen. Eines Abends lud ich meine besten Freundinnen ein und sagte: ,Nehmt euch was ihr wollt – ich will nichts behalten!‘ Außerdem habe ich einen Flohmarkt gemacht. Die Überreste habe ich in die Altkleidersammlung gegeben. Es gab viele Momente, in denen ich mir sagen musste: „Augen zu und durch jetzt!“ jetzt.de: Wann zum Beispiel? Janne: Auf dem Flohmarkt, wenn jemand ein altes Kleid hochhielt und fragte, was es kosten sollte. Wenn dann plötzlich eine Erinnerung in mir hochkam, zu welchem Konzert ich es mal getragen habe und was an dem Abend passiert ist. Da hätte ich oft gerne gesagt: ,Das kostet hunderttausend Mark und du kannst es nicht haben!‘ Am schlimmsten war es aber mit meinen Büchern. jetzt.de: Hast du sie restlos weg gegeben? Janne: Ich muss gestehen, dass ich eine kleine Kiste behalten habe. Vielleicht zehn Stück. Ich habe meine große Bücherwand einfach geliebt und bin oft an ihr entlang geschlendert um durch die einzelnen Bücher zu blättern. Viele haben mich durch echte Krisenzeiten begleitet, in sie habe ich Eselsohren geknickt und die für mich bedeutungsvollsten Sätze unterstrichen. jetzt.de: Was war mit Fotoalben, Tagebüchern und alten Briefen? Janne: Briefe, Postkarten und Tagebücher habe ich noch nie aufgehoben, da war ich immer schon schmerzlos. Man kann sich ja nicht endlos zu müllen. Und was die Fotoalben angeht: Die sind bei meinen Eltern zu Hause im Regal. jetzt.de: Hast du während der acht Wochen nie gedacht ,Was mache ich hier bloß?‘ Janne: Oh doch! Ich hatte sogar eine richtige Panik. Eines Nachmittags saß ich vor meinem Koffer und mir wurde mulmig zumute. Ich rief meine beste Freundin an und heulte: ,Ich habe Angst, mich aufzulösen.‘ Zwei Tage lang war ich ein Häufchen Elend und dachte: ,Was, wenn nachher nichts mehr von mir übrig bleibt? Wenn alles, über das ich mich und meine Geschichte definiere, ein Paar High Heels und mein Stretchkleidchen sind?‘ jetzt.de: Zu welcher Antwort bist du gekommen? Janne: Die Panik hat sich einfach gelegt. Im Grunde wusste ich ja, dass man sich und seine Persönlichkeit nicht über Materielles, sondern über Erinnerungen, Erfahrungen, Familie und Freunde definiert. Dass man sich nicht einfach auflöst. Im Umkehrschluss habe ich durch diesen Entrümpelungsprozess gemerkt, wie wenig bedeutsam Besitz ist. Die meisten Anschaffungen resultieren ja nur aus diesem diffusen Haben-Wollen-Gefühl. Als ich mein Werk vollbracht hatte und auf dem gepackten Koffer saß, war ich stolz und frei. Noch immer bereue ich nichts. Ich glaube, es ist normal, dass man bei so einem großen Projekt kurzfristig auch mal Muffensausen bekommt.


jetzt.de: Was war nach acht Wochen nun tatsächlich noch in deinem Koffer? Janne: Eine Handvoll Fotos, ein Ordner mit Lebensversicherungs-, Berufs- und sonstigen unverzichtbaren Unterlagen, mein Laptop und mein iPod und die dazugehörigen Aufladekabel. Und Dostojewskis „Der Idiot“. Ein Buch, das ich immer schon lesen wollte. Ich wusste ja, ich werde in Barcelona niemanden kennen und viel Zeit haben. Außerdem ein Bettbezug, ein Handtuch und meine kleine Kulturtasche. Und eben die wichtigsten Klamotten in einfacher Ausführung – natürlich alle rein sommerlicher Natur. Meine dicke, teure Winterjacke habe ich an den Mann vom Copy-Shop unter meiner Haustür verschenkt. Ich wusste ja nicht, dass ich sie doch brauchen sollte. Sie ist auch das einzige, dem ich nachtrauere. Als ich erfuhr, dass ich doch in Berlin überwintern würde, konnte ich sie mir ja nicht einfach zurückholen. Es war ein verdammt kalter Winter. jetzt.de: Nach all den Vorbereitungen muss es ein Schlag ins Gesicht gewesen sein, als du erfahren hast, dass du wegen deiner Krankheit doch bleiben musst. Wie ist das genau abgelaufen? Janne: Tatsächlich wie in einem schlechten Sonntagsfilm. Ich hatte meine Uniform schon an und saß Stunden vor meinem Flug in der leeren Wohnung auf meinem Koffer, um auf meinen Nachmieter zu warten. Der Plan war, noch einen Flug nach Sao Paolo zu fliegen und von dort aus direkt nach Barcelona, in mein neues Leben. Berlin war zu dem Zeitpunkt Geschichte für mich. Plötzlich ging die Postklappe auf und vor meinen Füßen landete ein Eilbrief meiner Frauenärztin. ,Seit wann schickt die mir denn solche Briefe?‘, dachte ich. Dann las ich. ,Vorstufe von Gebärmutterhalskrebs, sofortige Operation notwendig.‘ jetzt.de: Wie hast du reagiert? Janne: Ich war fassungslos und rief gleich meine Ärztin an. Sie sagte, dass ich nach der Operation ein Jahr in Berlin bleiben müsse, wegen der Nachuntersuchungen. Ich rief den Nachmieter an und erzählte ihm, was passiert war. Dann bin ich spazieren gegangen. Es fühlte sich an wie ein Startabbruch, nur auf emotionaler Ebene. Ich kenne das vom Fliegen. Da passiert es manchmal, dass ein Flugzeug schon fast in der Luft ist und plötzlich mit voller Wucht abbremst und wieder landet. Die Fliehkraft wirkt, man wird aus dem Sitz in die Schwerelosigkeit gedrückt und knallt wieder zurück. Man braucht dann Zeit, um zu realisieren, was passiert ist. jetzt.de: Du brauchtest eine neue Bleibe. Wo bist du hingegangen? Janne: Ich habe meinen Koffer genommen und erstmal bei einer Freundin geschlafen. Schnell wurde ich operiert und fand dann glücklicherweise gleich eine neue Wohnung – ich hätte keinen Antrieb für eine lange Suche gehabt. Ich wusste nicht mehr, wo ich hingehörte. Alles war plattgemacht, leergefegt und abgenutzt – und ich immer noch da. Das passte alles nicht mehr zusammen. Erst recht nicht für ein weiteres Jahr. jetzt.de: Wie sieht die neue Wohnung jetzt aus? Schaffst du wieder Dinge an? Janne: Ich habe ein seltsames Verhältnis zu meiner neuen Wohnung. Ich kaufe komische Sachen wie Bilderrahmen, Blumenvasen und Dekofiguren, um mir selbst eine Art Zuhause- und Aufgehobenheitsgefühl zu suggerieren. Zu wichtigen Sachen wie Vorhänge aufhängen oder Schränke aufbauen kann ich mich nicht aufraffen. Ich wehre mich einfach dagegen, da weiterzumachen, wo ich beschlossen hatte aufzuhören. jetzt.de: Wie geht es jetzt für dich weiter? Hältst du an deinem ursprünglichen Plan fest und wanderst im nächsten Jahr aus? Janne: Ich weiß es nicht. Ich kann nicht einfach in Berlin bleiben und mich mit meinem Schicksal abfinden. Daran erinnert mich auch jeden Tag der Alex, den ich ironischerweise direkt von meinem Balkon aus sehen kann. Andererseits: Wenn ich daran denke, mich nächstes Jahr wieder auf den Weg zu machen, gefriert mir das Blut in den Adern. Was passiert dann? Ich habe Angst davor. Es ist zu früh, Zukunftspläne zu schmieden. Mir fällt es ja schon schwer, meine momentane Situation zu überblicken. Das ergibt alles keinen Sinn. Da tut man mal was für sein Leben, gibt sich soviel Mühe und wird dann bloß dafür geohrfeigt. Wenn ich jetzt nicht bald eine Schatztruhe auf der Straße in Berlin finde, falle ich vom Glauben ab. * Der Name wurde auf Wunsch von der Redaktion geändert.

Text: mercedes-lauenstein - Foto: Simon Cornils

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