Wie ich lernte, den BR zu lieben

Erwachsen werden, heißt konservativer im Geschmack zu werden. Das gilt auch für Radio- und Fernsehsendungen, findet unsere Autorin.
therese-meitinger

Der Tag, an dem ich entdeckte, dass unser Schwarz-weiß-Fernseher auch RTL2 empfing, war ein denkwürdiger Tag. Bis dahin hatten meine Eltern behauptet, das Antennengerät aus ihren Studentenzeiten sei so alt, dass es nur für ein paar dritte Programme reiche. „Batman“ gehe nur bei meinen Freundinnen. Ich hatte das geglaubt und so gut wie nie zu Hause ferngesehen. Das öffentlich-rechtliche Kinderprogramm der frühen Neunziger reizte mich einfach nicht besonders. Es machte aber Spaß, mit dem Rädchen, das die Frequenzen regelte, „Schneeflocken“ und andere Bildschirmverzerrungen über den Bildschirm zu jagen. Einmal lief dabei statt einer Flocke Sabrina Staubitz ins Bild – das änderte vieles.

Staubitz, die in diesem Moment „hotzpotz“ auf RTL2 moderierte, war für mich eine Art Flaschengeist. Die lustigen Werbeclips, die sie präsentierte, sahen anders aus als das, was ich kannte. Sie waren chaotisch und ziemlich hirnlos. Offensichtlich hatte ich viel verpasst. Ein Farbfernseher war nun unumgänglich. Sobald er da war, holte ich alle verfügbaren Horrorfilme nach und ekelte mich wohlig, wenn in Gameshows Leute Hundefutter aßen und Rolltreppenlaufbänder ableckten.

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Illustration: Julia Schubert


Wenige Schnitte, kaum Bewegung: Die Sendung "Kunst und Krempel" im BR

Meine Eltern fanden das natürlich weniger begeisternd, aber die verstanden damals ja prinzipiell nichts: Oilily-Parfum nicht und auch nicht, dass es wichtig war, ob man am Türsteher vorbei ins „Tropicana“ kam. Das Privatfernsehen hingegen verstand mich erstaunlich gut: Zumindest kannte die Moderatorin von „Bravo TV“ sich mit Musik aus. Sie wusste, wie Jungs sich fühlten, und sie hatte schon einmal die Klamotten an, mit denen man ins „Tropicana“ kam.

Mit dem Bayerischen Rundfunk gab es kein Erweckungserlebnis. Ich drehte nicht an irgendeinem Rädchen und mir erschien auch nicht Uschi Dämmrich von Luttitz. Ich weiß nur, dass ich irgendwann kein Radio Fantasy mehr hören konnte. Den Augsburger Standard-Dudel-Lokalsender, der mich durchs Gymnasium und die ersten Studienjahre begleitet hatte, ertrug ich mit 24 einfach nicht mehr. Ich hatte gerade meine Magisterarbeit abgegeben und bekam schlicht einen Anfall, wenn Augsburg in den Nachrichten ganz selbstverständlich „Fantasyland“ hieß. Das Praktikum, das ich damals machte, war konfus genug. Wie es danach weitergehen sollte, war auch noch unklar. Da brauchte ich nach Feierabend wirklich keine zappelig-überdrehten Moderatoren.

Der „Zündfunk“ dagegen passte gut. Dort ging es viel entspannter zu als auf Radio Fantasy. Die Musikauswahl war angenehm unposerig, die Reportagen sauber recherchiert und Moderatoren sprachen hier nicht schneller, als sie denken konnten. Klar hatte die Abgeklärtheit mancher Moderatoren auch damit zu tun, dass sie die Fünfzig schon überschritten hatten. Mich hat das nie besonders gestört: Der „Zündfunk“ war mein Einstieg in den Bayerischen Rundfunk.

Formate wie die „radioWelt“ sind später hinzugekommen. Es ist ein Infomagazin, das Bayern 2 in mehreren Portionen über den ganzen Tag verteilt sendet. Als Volontärin habe ich angefangen, die Frühversion zu hören. In der Regel klingelte mein Wecker um sieben, ich schlurfte in die Küche und machte das Radio an. Der Mann, der nun oft zu sprechen anfing, beschrieb eine Welt, in der es zwar Probleme gab. Aber selbst die Volkserhebungen darin ließen sich in drei Minuten-Slots erschöpfend behandeln. Danach ging es um die Verschwendung von Steuergeldern.

Dass ich irgendwann auf „Kunst & Krempel“ gekommen bin, war wohl unvermeidlich. Die Fernsehsendung, in der Zuschauer ihre Erbstücke schätzen lassen können, ist sehr typisch für den BR: Sie ist fachlich solide und es geht unglaublich abgeklärt, fast stoisch zu. Die Kameraführung ist extrem konservativ, die Kamera filmt immer das selbe.

Mein Leben ist nicht so: Es schwankt freiberuflertypisch ziemlich und schlägt mitunter krass in die eine oder andere Richtung aus. Geregelte Bahnen gibt es zwar, doch haben sie wenig mit Sicherheit, sondern viel mit Mieten, der Krankenversicherung und Altersvorsorge zu tun. Ich fühle mich erwachsen und dann bin ich es wieder nicht. Oder das Erwachsensein fühlt sich bloß nicht so an, wie ich es mir mit 13 vorgestellt habe. Vielleicht habe ich deswegen gelernt, den BR zu lieben. Anders als ich hat er die Ruhe weg.

Text: therese-meitinger - Screenshot: SZ

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