Wie man sich München erarbeitet

Er schleppte Pilze auf dem Viktualienmarkt, bewachte Türen und braute Bier: Moritz Baumstieger hat drei Monate lang typische Münchner Nebenjobs getestet. Jetzt zieht er Bilanz.
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Ein entfernter Verwandter von mir, so sagt man, der war Schneiderlehrling. Nur leider nicht so richtig begabt. So war sein Standardspruch, kaum dass er eine Arbeit beendet hatte: "Meister, ich bin fertig kann ich trennen?"

Dieser Vorfahre war kein Münchner, er lebte in Dresden. Und da es in dieser Kolumne ja um München gehen sollte, ist er auf den ersten Blick ein schlechtes Beispiel. Auf den zweiten Blick auch, denn eigentlich will ich hier und jetzt nicht alles auseinander zupfen, was ich die letzen drei Monate in acht Münchner Berufen erlebt habe. Sondern im Gegenteil die einzelnen Handlungsfäden zusammenweben, den Stoff verdichten, so dass ein echter bayerischer Filz entsteht.

Trotzdem musste ich immer wieder an den schneidernden Vorfahren denken, als ich Pilze schleppte und Türen bewachte und vor Touristen spontan ausgedachte Stadtgeschichte referierte: Genau wie er dilettierte ich in all meinen Berufen aufs Feinste. Und genau wie ihm war es mir ziemlich egal, ich war gerne dilettantisch.

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Illustration: Julia Schubert



Es ist erstaunlich, wie schnell einen diese Stadt und ihre Bewohner akzeptieren, wenn man sich das richtige Hemd überstreift und an den richtigen Ort stellt. Nur zweimal hat es nicht geklappt. Weißwürste durfte ich nicht wie geplant metzgern und Breznteig durfte ich keinen schwingen, weil ich kein Gesundheitszeugnis besitze. Aber sonst: Ob man wirklich Menschen vor dem Ertrinken retten kann oder wirklich einer dieser trainierten Rikschafahrer ist: danach fragt keiner.

Vor allem nicht die Bekannten, die bei jedem meiner Jobs irgendwann zufällig vor mir standen. Weil: Gesehen haben sie mich definitiv. Nur bemerkt und erkannt haben sie mich nicht. Man sagt ja, die besten Verstecke für Gegenstände sind immer die offensichtlichsten. Und ich weiß jetzt, dass das auch für Menschen gilt. Sobald du ein blasstürkises Hemd von den Stadtwerken anhast, kannst du deinen Studienfreund ermahnen, dass er nicht seitlich ins Schwimmbecken springen soll. Er guckt dich dann an und sagt "Jaja, tschuldigung" aber er sieht nicht dich, sondern einen Bademeister. Wer das erlebt hat, muss einsehen, dass die Plots all der Verwechslungskomödien mit Peter Alexander oder Heinz Erhard gar nicht so unrealistisch sind.

Denn man muss nur mitspielen im großen Münchenspiel, ob man seine Rolle gut spielt, ist dann fast egal. Und wenn mir etwas klar geworden ist, dann das: Wir alle hier sind kleine Schauspieler in der täglichen Aufführung des Volksstückes mit dem Namen München. Die Bühne wurde uns in den letzten 200 Jahren von netten und bauwütigen Monarchen hingestellt, außerdem wurden uns gewisse Kostümierungen und Handlungselemente vorgegeben, der Rest ist freie Improvisation.

Der Dirk spielt mit im Münchenstück, der tätowierte Bademeister in dem alten Hitlerbau namens Nordbad. Er kann dir ganz genau aufzählen, wie oft und warum und in der wievielten Minute Philipp Lahm in der letzen Saison ausgewechselt wurde. Und das kann er auch bei Spielern im Bayern-Kader, denen das häufiger passiert. Denn bei Lahm ist die Antwort einfach: Der wird ja nie ausgewechselt. Der Dirk kommt übrigens aus Sachsen.

Am Viktualienmarkt spielt die Frau Zollner mit, und für ihre Rolle hat sie nicht nur den Vornamen von jedem Pflasterstein auswendig gelernt, sondern auch die Essgewohnheiten von halb Bogenhausen. Wenn sie die aufzählt, tut sie das zwar in oberpfälzischem Dialekt, der hat aber schon einige Münchner Einsprengsel.

Der Keiwan hingegen hat sich seine Rolle selbst geschrieben, auch wenn der Weg nicht der nächste war: Seine Familie kommt aus Persien, er aus dem Hasenbergl und ist jetzt trotzdem der King vom P1, was viel bayrischer klingt als die offizielle Bezeichnung "Geschäftsführer". Aber er ist ganz einfach deshalb der King, weil er es eben unbedingt sein mag.

Und so könnte ich noch lange weiterschreiben, dass das Bier beim Löwenbräu und Spaten von fränkischen Braumeistern gemacht wird und die Rikscha-Impressarios Ex-Studenten aus der Radl-Hauptstadt Münster sind. Und sich einige australische Tourguides deshalb besser als alle anderen in der Stadtgeschichte auskennen, weil einem jungen amerikanischen Traveller die Stadt so gut gefiel, dass er sich hier niederließ und einen Fahrad-Tourservice für Touristen gründete.

Aber das Prinzip dürfte klar geworden sein: Wir alle dürfen mitmachen im großen Münchenspiel, der Job ist unsere Eintrittskarte. Und wenn wir ein paar Sachen doof oder langweilig finden, dann machen wir es halt in Zukunft einfach anders. Die paar echten Münchener haben nichts dagegen, die freuen sich über jeden, der mitmacht - sie sind ja eh nicht mehr so viele. Und sogar Journalisten dürfen mitspielen, sie müssen dafür nicht mal in fremde Rollen schlüpfen. Obwohl: Chefredakteur, ich bin fertig - darf ich umschreiben?

Korrekte Job-Bezeichnung:
Münchner
Verdienst:
Ha! Über dem Bundesdurchschnitt
Wie bewirbt man sich?
Umzug und etwas guter Wille genügen
München-Faktor:
100 Prozent, gradaus.


Text: moritz-baumstieger - Illustration: Katharina Bitzl

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