Wie schön, dass du geboren bist...

... aber musste es ausgerechnet an diesem Datum sein? Fünf Geburtstagskinder erzählen von ihren äußerst ungünstig gelegenen Ehrentagen.
michele-loetzner



Jessica, 29. Februar

„Machen wir’s kurz: Ich werde oft vergessen, und ich kann es den Leuten nicht mal verübeln. Als Schaltjahrkind nützt einem die Facebook-Erinnerungsfunktion recht wenig, und ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich das alles nicht immer mal wieder total frustrierend finde. Der Arzt, der mich damals entband, schlug meinen Eltern vor, das Datum in der Geburtsurkunde zu ändern. Das wollten sie nicht. Ein bisschen kann ich das auch verstehen. Heute feiere ich immer am 1. März im Nichtschaltjahr, denn Vorfeiern – also am 28. – bringt ja Unglück. Wenn ich es mir aussuchen könnte, wäre ich lieber in einer wärmeren Jahreszeit geboren. Aber dann wäre der Tag natürlich auch irrelevant. Der ganze Gedankengang fühlt sich komisch an, schon daran merke ich, dass ich meinen Geburtstag doch nicht hergeben will. Auch wenn ich ihn nur alle vier Jahre am richtigen Tag feiern kann.“



Julia, 24. April

„Ende April ist es immer so weit. Ich bin kurz vorm Platzen. Eigentlich warte ich seit Jahren darauf, dass mir die Krankenkasse einen Brief schreibt und mir den Versicherungsschutz wegen maßlosen Kuchen- und Alkoholkonsums kündigt. Der Grund ist ein abartiger Geburtstagsmarathon: Meine Tante hat am 19.4. Geburtstag, mein Cousin am 20., mein Freund am 22., ich am 24., meine Cousine am 28. und meine beste Freundin am 29. Jedes Jahr verzweifle ich erneut an der Auswahl und den Kosten der Geschenke. Im Mai bin ich arm und so kreativ wie ein weißes Blatt Papier. Weil die ganze Familie so mit der Dauergratuliererei beschäftigt ist, leidet irgendwann die Aufmerksamkeit – sowohl meine als auch die der anderen. Deshalb freue ich mich besonders, wenn ich für jemanden mal kurz im Mittelpunkt stehe. Als ich einmal mit meinem Freund zusammen feierte, wurde ich völlig vergessen, obwohl wir zusammen eingeladen hatten. Das war ziemlich frustrierend. Dieses Jahr habe ich mich übrigens zum ersten Mal aus dem Wahnsinn ausgeklinkt: Mein Freund und ich sind in den Urlaub gefahren. Das war gut für uns, für unser Gewicht und unsere Leber. Ich glaube, das machen wir nächstes Jahr wieder."



Laura, 11. September

„Natürlich kann ich mich noch genau erinnern, wie mein Geburtstag am 11. September 2001 war: total surreal. Der Kaffee-Kuchen-Teil wurde durch einen Fernsehnachmittag ersetzt und ich war hin und hergerissen. Ich wollte feiern. Aber war das erlaubt, wenn auf der anderen Seite des Atlantiks so etwas Schlimmes passiert? Ich verzichtete an diesem Tag, später feierte ich natürlich trotzdem.
Vor einiger Zeit war ich zum ersten Mal in New York und besuchte auch die Gedenkstätte von 9/11. Erst da konnte ich einen Hauch davon nachempfinden, was dieses Unglück für die Stadt und ihre Bewohner bedeutete. Davor kannte ich nur die Bilder aus dem Fernsehen von eben jenem Nachmittag. Vor Ort ereilt einen da ein ganz anderer Schauer, der sich aus der Ferne kaum vorstellen lässt.
Mit dem Datum bin ich zwiegespalten. Einerseits können sich viele Leute meinen Geburtstag besonders gut merken, ich werde selten vergessen. Andererseits höre ich mir oft ziemlich geschmacklose Sprüche an wie: Oh, da hat man ja 2001 eine besonders tolle Geburtstagsshow inszeniert. Oder: Du scheinst das Chaos ja generell anzuziehen.“



Tanja, 17. Dezember

„Als Kind war ich oft enttäuscht. Meist hieß es: Das bekommst du dann zu Geburtstag und Weihnachten zusammen. Ich fühlte mich benachteiligt. Heute schlage ich mich mit einem viel banaleren Thema rum: Zu diesem Zeitpunkt haben die meisten Firmen Weihnachtsfeiern und meine Gäste kommen selten gleichzeitig. Oder können schlimmstenfalls gar nicht. Beim weihnachtlichen Umtrunk gilt Anwesenheitspflicht, keiner will eine schlechte Figur beim Chef machen. Das kann ich verstehen. Ich habe mir angewöhnt, schon wahnsinnig früh ein ,Save The Date’ zu verschicken und plane immer nur mit einer kleineren Runde und in Locations, wo die Leute auch nach und nach kommen können."




Maxi, 24. Dezember

„Meine Eltern haben mir von Anfang an meinen Geburtstag sehr phantasievoll schmackhaft gemacht. Als ich klein war, erzählten sie mir, wir hätten keinen Weihnachtsbaum, sondern ich als einziges Kind einen Geburtstagsbaum. Später genoss ich es vor allem, dass ich an meinem Geburtstag immer ausschlafen konnte und ein gutes Argument hatte, nicht mit in die Kirche unseres oberbayerischen Dorfes zu müssen. Der 24. Dezember war und ist bei uns immer zweigeteilt. Morgens mein Geburtstag, abends Weihnachten – für mich gab es immer zweimal Geschenke. Trotzdem musste ich mir immer genau überlegen, was ich mir wünschte. Ich hatte ja quasi nur einmal im Jahr Geschenke-Tag, und im Winter vergisst man recht schnell, dass man im Sommer vielleicht auch ein paar Dinge brauchen wird. Heute genieße ich meinen Geburtstag, denn ich weiß, an Weihnachten sind all meine alten Freunde da. Wir feiern immer in den 24. rein. Dementsprechend sind die Weihnachtskater bei meinen Eltern und denen meiner Freunde berüchtigt. Wenn jemand sich freut und sagt ,Das ist ja wie Geburtstag und Weihnachten zusammen’, denk ich mir: Ja, so ist das bei mir jedes Jahr!“

Text: michele-loetzner - Illustration: katharina-bitzl