Wie Tischtücher zu exklusiven T-Shirts werden

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Das Recycling-Modelabel Luxusbaba macht sich die Wegwerf-Mentalität der Modewelt zu Nutze, um aus abgelegten Stücken neue Klamotten zu machen. Simone Graber, 34, betreibt die Marke zusammen mit Jasmina Frank, 28, seit 2004. Die beiden Frauen lassen ihre Luxusbaba-Kollektion vom Weißen Raben, einer Tochterfirma der Caritas, nähen. Jedes Kleidungsstück der aktuellen neunteiligen Kollektion ist ein handgefertigtes Unikat. jetzt.muenchen hat mit Simone gesprochen

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Illustration: Julia Schubert

jetzt.muenchen: Simone, was ist Luxusbaba? Simone Graber: Luxusbaba ist ein Recycling-Modelabel. Wir verwenden gebrauchte Kleidung und Textilien, zerstückeln sie, und setzen sie dann wieder neu zusammen. Pro Saison gibt es verschiedene Modelle, die jeweils ein einheitliches Schnittmuster besitzen. Das T-Shirt zum Beispiel hat immer den gleichen Schnitt, aber die Einzelteile bestehen aus unterschiedlichen Materialien. Mal verwende ich für ein T-Shirt drei Secondhand-Shirts, mal verwende ich ein Shirt, eine Schlafanzughose und ein Tischtuch. Dadurch sind alle Teile Unikate. Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, Mode zu recyclen? Luxusbaba ist vor sechs Jahren während meines Kommunikationsdesignstudiums entstanden, es war die Diplomarbeit von mir und einer Freundin. Dafür haben wir die erste Kollektion genäht. Seit letztem Sommer sind wir in die Vollen gegangen, vorher lief die Mode nur nebenbei. Warum habt Ihr Euch für diesen Namen entschieden? Bedeutet das Wort irgendetwas? Luxusbaba ist ein Kunstwort, das gibt es so nicht. Wir wollten uns bewusst gegen die Massenfertigung und die Schnelllebigkeit der Mode wenden, indem wir das Abfallprodukt wieder benutzen. So wie Mode funktioniert, ist ein Teil nach einem halben Jahr eigentlich unmodern und man sortiert es weg. Später haben uns dann viele Leute erzählt, dass Baba in vielen Sprachen Oma bedeutet. Das ist auch sehr passend: das ausgediente Kleidungsstück der Oma, das wieder zu etwas ganz besonderem wird. Was finden dennLeute so toll daran, ein Einzelstück zu kaufen? Dadurch, dass die Luxusbaba-Teile Unikate sind, haben wir oft das Gefühl, das Kleidungsstück sucht sich seinen Träger aus. Es passiert uns immer wieder, dass uns Leute erzählen „ich hab’ das Teil voll gern an, ich fühle mich gut darin und es ist genau richtig für mich“. Für viele Leute ist es ein schönes Gefühl, wenn sie wissen, dieses Teil gibt es nur einmal, so wie es mich selbst auch nur einmal gibt. Eure Stücke werden beim „Weißen Raben“ genäht. Was ist das für eine Kooperation? Es war uns ganz wichtig, die Sachen in Deutschland produzieren zu lassen und ein soziales Produkt zu unterstützen. Wir haben vor drei Jahren schon mal eine Modenschau zusammen mit dem Weißen Raben gemacht. Das hat super geklappt. Wir sind jetzt der erste Kooperationspartner für das Nähwerk des Weißen Raben. Wir geben eine gewisse monatliche Stückzahl in Auftrag und die Sachen werden dann von psychisch kranken Frauen genäht. Wer sind Eure Kunden? Leute, die modeinteressiert und modemutig sind – unsere Sachen sind meistens bunt und nicht gerade unauffällig. Da muss man Spaß daran haben. Unsere Sachen sind aber nicht untragbar, nur lebensfroh. Verstecken wollen darf man sich in unseren Sachen nicht. Von den Schnitten her richtet es sich eher an jüngere Leute. Und natürlich muss man den Recycling-Gedanken gut finden: Keine Sachen von der Stange, ohne Kinderarbeit und giftige Farben. Unsere Kunden denken ökologisch, und wollen ein kleines Label unterstützen.


Wo kann man Eure Sachen kaufen? In zwei Geschäften in München: im Glore in der Baaderstraße und im Fellherz in der Türkenstraße. Und in verschiedenen Internetshops. Träumt Ihr vom eigenen Laden? Ja, das ist das Fernziel. Flagship-Stores in allen deutschen Großstädten. Nein, schmarrn, irgendwann hier in München. Eure Sachen sind ziemlich teuer. Ist das nicht übertrieben für bereits getragene Kleidungsstücke? Jedes Teil ist ein Einzelstück und wird liebevoll mit viel Zeitaufwand behandelt. Das geht los beim Raussuchen in den Second-Hand-Läden. Ich wasche alle Teile, sortiere sie passend nach Farben, schneide sie zu, und gebe sie zum Weißen Raben zum Nähen. Danach bedrucke ich noch die meisten Teile mit Siebdruck. Außerdem produzieren wir in einer sozialen Einrichtung hier in München und nicht irgendwo billig im Ausland. Der Preis rechtfertigt sich dadurch. Außerdem denke ich, dass viele ein völlig verschobenes Preisbild durch Billigketten wie H&M und C&A haben. Mit einem Verkaufspreis von 6,90 Euro für ein T-Shirt ist nicht mal der Stoff bezahlt. Man hat überhaupt kein normales Verhältnis mehr dazu, was ein Kleidungsstück, wenn man es näht, eigentlich kostet. Aber klar, im Vergleich dazu ist ein Shirt für 75 Euro natürlich teuer. Im kommenden Winter gibt es erstmals die „Feature-Line“. Der Freeskier Sven Kueenle stellt euch ausrangierte Ski-Klamotten zur Verfügung. Ja, in den Herrenkapuzenpulli ist ein Teil von einem Ski-Overall von Sven Kueenle eingesetzt. Bei der Feature-Line kommt die Vorgeschichte der Anziehsachen viel stärker zum Tragen: Man weiß, dass Sven mit dem Overall auf einem Berg war und einen wahnsinnigen Sprung gemacht hat. Mit einem Teil ist er sogar in eine Lawine geraten, aber dann gut davongekommen. Da kann man sagen, ich trage diese Geschichte in kleinen Teilen am eigenen Körper weiter. Außerdem trägt Sven seinen Pulli, ist also Werbefigur. Und eine Spende geht an den Weißen Raben. An wen denkt ihr dafür im Sommer? Wir hätten gerne jemanden aus der Musikbranche. Momentan sind wir aber noch auf der Suche. Wir hatten an „Reisegruppe Fischer“ gedacht oder an „Wir sind Helden“, die sind derzeit aber im Baby-Stress. Luxusbaba hat für jetzt.muenchen aus zwei T-Shirts und einem Tennisrock ein Oberteil gemacht (Ladenpreis 74,90 Euro). Wir verlosen es unter allen, die bis Dienstag 16 Uhr an muenchen@jetzt.de schreiben.

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