Wiedersehen auf Facebook

Jeder kennt die Frage: Wie geht es eigentlich meiner großen Jugendliebe? Unsere Autorin ist ihr mal nachgegangen, Auslöser war das alte Tagebuch, Hilfsmittel die modernen Medien. Aber Wunder vollbringen die eben auch nicht.
lena-niethammer
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Illustration: Julia Schubert



Es war damals die ganz große Liebe. Die für immer und ewig. Bis ich ihn vergaß. Zehn Jahre lang verstaubte jegliche Erinnerung an ihn in einer der Kisten unter meinem Bett. Letztens kramte ich aus Langeweile in ihnen herum und fand ein altes Notizbuch. In Blumenmuster gebunden und mit einer grünen Schleife versehen. Gefüllt mit Gefühlsoffenbarungen über den ersten Schwarm meines Lebens: Edoardo. 
  
  Lieber Blitz, 4. März 2001
  Ich war mit Alessandra im Park vor der Schule und wir haben Skateboardfahren geübt. Als ich versucht habe von einem Hügel herunterzufahren, bin ich hingefallen. Direkt auf den schönsten aller Florentiner Jungs. Ach was, aller Italiener. Er hat dunkle Haare, einen Topfschnitt, hellbraune Augen und ist etwas größer als ich. Er hat mir aufgeholfen. Ich möchte ihn heiraten. 
 
  Eine Erklärung dafür, warum mein Tagebuch ausgerechnet Blitz heißen musste, habe ich nicht. Vielleicht lag es einfach am Alter. 2001 war ich elf. Ich lebte seit vier Jahren in Florenz und ging in die sechste Klasse. Während heutzutage Mädchen mit elf schon Kinder bekommen, hatte bei mir gerade erst die Pubertät eingesetzt. Sex war für mich noch ein kleiner schwarzer Punkt in der Ferne. Beängstigend. Fremd. Es waren Zeiten in denen Ich-liebe-dich-Sagen noch leicht fiel, Berührungen aber unvorstellbar schienen.
  Ich las mir den wieder entdeckten Blitz innerhalb von einer Stunde durch. Nicht ohne hin und wieder rot zu werden. Nach und nach kamen die Erinnerungen zurück. Es waren gute Zeiten damals. Nicht, dass Edo (wie ihn seine Freunde nennen durften) mir je irgendeine Form von Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Nein. Vielmehr hat er mich ignoriert. Ganz konsequent. Ich war trotzdem glücklich. Habe es damals geschafft, jeden Kontakt zwischen uns zu illusionieren. Ein Lächeln von ihm konnte nur bedeuten, dass ich ihm gefalle. „Kannst du mal den Ball holen gehen?“ eindeutig ein Kompliment an meine Fähigkeit zu laufen. Und eine Umarmung zum Abschied, lieblos und gefühlskalt, konnte nichts anderes sein als die lang erwartete Liebeserklärung. Not! Aber die Bravo hatte mir damals beigebracht, dass Jungs ihre Gefühle nicht offen zeigen können, weil sie dann nicht mehr als cool gelten. Es würde sie manchmal sogar zutiefst belasten, dass sie dem Mädchen ihres Herzens, also mir, nicht sagen dürfen, wie sehr sie sie lieben. Armer Edoardo. 
 
  Lieber Blitz, 26. März 2001
  Es ist immer noch das Gleiche. Ich sehe ihn jeden Tag in der Schule. Er geht in eine Parallelklasse. Giulia hat gesagt, er heißt Edoardo. Heute in der Pause ging er an unserem Raum vorbei und hat mich angelächelt. Das war so süß. Er ist perfekt. 
 
  Die Schwärmerei dauert ungefähr zwei Jahre. In der Zwischenzeit bekamen alle ihren ersten Kuss. Alle außer mir. Zu erzählen hatte ich trotzdem viel. Schließlich hatte ich Edoardo und meine Parallelwelt, in der wir uns heimlich liebten. Er bekam eine Freundin. Ich weinte. Er verließ sie. Ich tanzte vor Glück. Als wir irgendwann wegzogen, war es damit vorbei. Deutschland war neu und aufregend. Edoardo schnell vergessen.
  Wiedergesehen habe ich ihn nur ein einziges Mal. Jahre später. Mit ein paar Freunden aus Deutschland war ich in Florenz. Wollte ihnen zeigen, wo ich früher gewohnt hatte. Es war ein sonniger Nachmittag. Wir standen an einem Hang um unseren kaputten Peugeot 107 herum, als ein großer Geländewagen an uns vorbeifuhr. Aus dem offenen Fenster lehnte ein junger Mann seinen Arm heraus. Kantiges Gesicht, lange dunkelbraune Haare zu einem Dutt gebunden. Ich erstarrte und schaffte es nur ganz leise seinen Namen zu hauchen „Edoardo!“. So leise, dass er es niemals gehört hätte, aber leider laut genug, um meine Freunde dazu zu bringen, mich die nächste halbe Stunde auszulachen. 
  
  Lieber Blitz, 9. Juni 2001
  Wir haben Sporttage. Heute war Volleyball dran. Edo war Teamchef und durfte auswählen. Ich wollte, dass er mich nimmt. Wurde dann aber als Vorletzte vom Gegnerteam genommen. Beim Spielen hat mich ein Ball am Kopf getroffen. Es tat total weh und alle haben gelacht. Edo auch. Ich gehe nicht mehr hin.
  
  Je länger ich in Erinnerungen schwelgte, desto mehr quälte mich die Frage, was wohl aus Edoardo geworden sei. Zugetraut hätte ich ihm vieles. Er war schon immer hell im Kopf und jemand, der für seine Ansichten brennt. Aktivist bei Greenpeace vielleicht. Oder doch Arzt? Es gab nur eine Möglichkeit, um es herauszufinden: Google. Beziehungsweise zwei Möglichkeiten, denn weil Google nichts ausspuckte, ging ich zu Facebook über. Auch hier war unter seinem Namen nichts. Aber zumindest ließ sich eine alte Klassenkameradin aufspüren, durch die ich mir erhoffte, an ihn ranzukommen. So kam die Lawine ins Rollen. Sechs Stunden, Hunderte gestalkte Facebookseiten und viele gespannte Momente später hatte ich ihn. Kess lächelte er von seinem Profilfoto. Es zeigt ihn mit seinem Hund auf einer Wiese beim Rumtollen. Der Hund, eine hässliche dicke Dogge, muss gerade zum Sprung angesetzt und Edo das Gleichgewicht verloren haben. Er liegt mit dem Rücken im Gras. Die Haare lang, wieder zu einem Dutt zusammengebunden, genau wie das letzte Mal, als ich ihn real sah. Auch sonst hat er sich kaum verändert. Das Gesicht ist zwar reifer geworden, aber auf der Straße hätte ich ihn sofort wiedererkannt. Das Herzpochen macht klar: Ich finde ihn attraktiv. Immer noch.
  Er hört Bob Marley, hetzt gegen Berlusconi und studiert Forstwirtschaft. Forstwirtschaft? Wie bitte? Das wäre die normale Reaktion auf dieses Studienfach. Mit mir hingegen geht bei dem Wort gleich die Fantasie durch. Ich sehe uns in Kanada in einem kleinen Holzhaus wohnen. Während ich einen Waschbären streichle, fängt er unser Abendessen im Fluss. Nachts beschützt er mich dann vor den Bären, die versuchen in unser Heim einzudringen. Die Freundschaftsanfrage ist versendet.
  Es dauert nicht lange und ich habe das Gefühl alles über ihn zu wissen. Er demonstriert gegen Italiens Bildungspolitik. Wohnt alleine. Ist chaotisch. Hat gute Noten, nur in Baumkunde ist er letztes Semester durchgefallen. Seine Freunde sind zum größten Teil noch die von früher. Seine letzte Freundin hat er verlassen. Sein letzter Urlaub war in Marokko. Er spielt Rugby, aber nicht gut. Und seine Schokoladenseite ist die linke. Dessen ist er sich aber nicht bewusst.
  Nach einem Tag hat er sie angenommen, meine Freundschaftsanfrage. Er, der große Schwarm meiner Jugend, erinnert sich an mich. Weiß noch, wer ich bin. Mein Herz gerät ins Stocken. Ganz auszusetzen droht es, als ihm daraufhin auch noch ein Foto von mir gefällt. Zwar bin nicht ich auf diesem Foto zu sehen, aber doch zumindest unsere alte Schule. Unsere gemeinsame Vergangenheit quasi. 
 
  Lieber Blitz, 15. September 2001
  Es ist der schönste Tag meines Lebens. Die Schule hat wieder angefangen und die Klassenzimmer wurden neu verteilt. Edos Klasse ist jetzt direkt neben meiner. In der Pause kam er zu mir und hat mir meine Jacke gegeben, die ich wohl auf dem Sportplatz vergessen hatte. Giulia war eifersüchtig.
  
  Was hat es nur mit diesem ersten Schwarm auf sich? Warum schafft er es sofort wieder, mich umzuhauen? Obwohl doch viele Jahre und viele Kilometer zwischen uns liegen? Was Männer angeht bin ich keine Schwärmerin mehr. Eigentlich bin ich zur Realistin geworden. Doch bei ihm ist es anders. Irgendwie umgibt ihn für mich immer noch diese Magie. Vielleicht ist es aber gar nicht er, sondern einfach nur die Erinnerung an das erste Mal verknallt sein, die mich verzückt. Wissen werde ich es wohl nie. Oder doch? Nach seinem „Gefällt mir“ treffe ich eine Entscheidung: Ich werde ihm eine Nachricht schreiben. Ich sage an dieser Stelle nicht, wie viele Menschen ich konsultiert habe und wie lange ich gebraucht habe, um folgende Zeilen zu produzieren: 
 
„Lieber Edoardo,
durch Zufall bin ich auf dein Profil gestoßen. Es sind bestimmt schon zehn Jahre vergangen, seitdem wir uns das letzte Mal gesehen haben. Wie geht es dir denn? Und was machst du so?
Liebe Grüße, Lena“
  
  Für mich – ein Meisterwerk. Doch kurz nachdem ich auf Senden drückte, drehe ich durch. Bereue es fürchterlich, überlege, ob ich nicht lieber noch etwas anderes hinterherschicken sollte und klappe irgendwann den Laptop zu. Er wird schon schreiben, sage ich mir. Gib ihm etwas Zeit. Vielleicht hat er kein Internet zu Hause oder muss geradefür Baumkunde lernen. Aber wem mache ich hier was vor – ein paar Tage später sah ich, wie er online war. Spätestens jetzt hat er meine Nachricht gelesen. Seitdem sind mittlerweile vier Wochen vergangen. Geantwortet hat mir Edoardo immer noch nicht. Genau wie früher.


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