„Wir brauchen eine radikale Demokratie-Reform“

Der Autor Klaus Werner-Lobo erklärt im jetzt.de-Gespräch, was man aus der Wirtschaftskrise lernen sollte – und warum Lachen das beste Mittel gegen die Angst ist
peter-wagner

Vor sieben Jahren schrieb der Österreicher Klaus Werner-Lobo, 41, den Bestseller Schwarzbuch Markenfirmen, in dem er zeigte, dass große Konzerne häufig nicht wirtschaften können, ohne Menschen zu schaden. Jetzt ist der Nachfolger da: Uns gehört die Welt! (Hanser) ist eine angenehm verständlich verfasste Abhandlung über den globalen Handel und die Macht der Konzerne sowie die Forderung an uns, an diesem Leben mehr Anteil zu nehmen. Charlotte Roche bezeichnet den Band als ihr „Buch des Jahres“. jetzt.de spricht mit Werner-Lobo über den Zustand der Welt und über Clowns. jetzt.de: Herr Werner-Lobo, eigentlich will ich mit Ihnen über Wirtschaft reden, aber eben lese ich, dass Sie im Nebenberuf Clown sind. Warum? Werner-Lobo: Ich habe fast vier Jahre in Brasilien gelebt. In Rio de Janeiro habe ich einen Clown gesehen und gemerkt, dass Clownerei politische Komponenten hat. Ein Clown hat die Angst vor der eigenen Lächerlichkeit verloren und wird dadurch gefährlich für Mächtige. Lachen ist das beste Mittel gegen die Angst, auch die Angst vor Autoritäten. jetzt.de: Reden wir über die Rotnasen aus dem Zirkus oder die Sorte Clowns, die in München unter anderem gegen die Sicherheitskonferenz demonstriert haben? Werner-Lobo: Meine Vorbilder sind Clowns wie Charlie Chaplin, Dario Fo, Jango Edwards oder Leo Bassi, die allesamt als so subversiv galten, dass sie sogar verhaftet wurden. In indigenen Gesellschaften hat der Clown eine wichtige soziale Funktion. Er ist dafür zuständig, dass dem Häuptling die Macht nicht über Kopf wächst. Und heute zeigt die so genannte Clownrebellenarmee durch die gezielte Irritation von Polizei und Mächtigen die Absurdität autoritärer Systeme auf. jetzt.de: Was sagt der politische Clown Werner-Lobo: Soll ich entspannt oder besorgt aus diesem Jahr ins nächste gehen? Werner-Lobo: Naja, es war für uns alle ein besonderes Jahr: Finanzkrise, zu Jahresbeginn eine weltweite Nahrungskrise, die Klimakrise manifestiert sich und das Bedürfnis nach Veränderung ist so stark, wie ich es in meinem Leben nicht erlebt habe. jetzt.de: Leiten Sie diese Beobachtung aus der US-Wahl ab? Werner-Lobo: Obama hat Menschen mobilisiert wie lange niemand. Das hat auch mit den Krisen zu tun – weltweit. Es gibt nicht mehr die eitel-wonnige Mittelstandsgesellschaft, dieses Erfolgsmodell der 80er Jahre. In Deutschland gibt es weit mehr als fünf Millionen Hartz IV-Empfänger, 2010 wird es weltweit 50 Millionen Klimaflüchtlinge geben, wir haben die Finanzkrise – die nationalstaatlichen Demokratien können darauf nicht richtig reagieren. Sie funktionieren nicht mehr wie früher.

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Illustration: Julia Schubert

Klaus Werner-Lobo jetzt.de: Wie meinen Sie das? Was ist die Alternative zur Demokratie, wie sie bei uns existiert? Werner-Lobo: Eine radikale, globalisierungstaugliche Demokratie-Reform. Das nationalstaatliche Demokratiemodell entstand nach der französischen Revolution. Es ist überholt. jetzt.de: Erklären Sie die Alternative. Werner-Lobo: Nach dem so genannten Subsidiaritätsprinzip werden Entscheidungen, die nur lokale oder regionale Bedeutung haben, auch auf diesen Ebenen getroffen. Hier sollten alle das Recht auf Mitbestimmung haben, auch Jugendliche und nicht nur Menschen mit deutschem Pass. Der Haushalt der brasilianischen Millionenstadt Porto Alegre zum Beispiel wird partizipativ verwaltet. Die Einwohner entscheiden, wofür die Steuern verwendet werden. Ergebnis: Das meiste Geld geht in soziale Infrastruktur wie Abfallbeseitigung oder Wohnungsbau. Und wissen Sie was: Das nutzt auch den Reichen. Porto Alegre hat heute die niedrigste Kriminalitätsrate in Brasilien. Dann gibt es Probleme, die lassen sich nicht regional lösen: Klimaschutz, globale Konflikte, internationaler Handel. Die müssen von überregionalen Institutionen wie der UN und der EU angegangen werden. Aber auch die müssen radikal demokratisiert werden. Die Welthandelsorganisation WTO zum Beispiel macht de facto globale Gesetze – und unterliegt keiner demokratischen Kontrolle! Die machen Gesetze im Interesse der Unternehmen und nicht der Bevölkerung und erlauben zum Beispiel gentechnisch veränderte Produkte in der Landwirtschaft, obwohl der große Teil der Bevölkerung die nicht will. jetzt.de: Sie haben Angst, dass sich die Wirtschaft schon zuviel vom Staat angeeignet hat, oder? Trauen Sie deswegen dem politischen System nicht mehr? Werner-Lobo: Das derzeitige Wirtschaftssystem belohnt es, wenn Einzelne Gewinne auf Kosten der Allgemeinheit machen. Aber ein Land wie Deutschland müsste es in der Gesetzgebung belohnen, wenn wirtschaftstreibende Unternehmen dem Gemeinwohl dienen. jetzt.de: Eine Zeitlang schien es, als könne das Prinzip „ethisch korrekter Konsum“ die Welt umkrempeln. Wird sich die Idee behaupten? Werner-Lobo: Ich sehe die Bewegung ja mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Die Lohas geben es sich zu billig, wie man in Österreich sagt: Sie reden nur über die Kraft des Konsums und blenden die Notwendigkeit zum aktiven politischen Engagement aus. Außerdem ist der so genannte ethische Konsum ein Minderheitenprogramm für die, die es sich leisten können. jetzt.de: Es reicht also nicht, wenn man einen aufgeklärt konsumierenden Mittelstand hat? Werner-Lobo: Information ist die Grundlage für Veränderung. Außerdem braucht es eine gewisse Wut auf die bestehenden Verhältnisse, damit man überhaupt etwas ändern will. Und ich glaube, dass dieses Jahr ernsthaft die Ahnung erwacht ist, was passieren kann, weil sich mehr Menschen von Ausbeutung, Sozialabbau und Umweltzerstörung betroffen fühlen. Ich halte seit Jahren Vorträge gegen den Kapitalismus, habe aber das Wort dabei nie in den Mund genommen, um nicht als Kryptokommunist abgestempelt zu werden. Seit einem Jahr aber kann ich auch in konservativen Gemeinden und Schulen den Kapitalismus kritisieren und ernte Zustimmung dafür. jetzt.de: Wenn Sie in Ihren Büchern Wirtschaft erklären, nutzen Sie immer die Bekanntheit großer Marken, um Aufmerksamkeit zu gewinnen. Profitieren Sie nicht eigentlich von der Bekanntheit dieser Konzerne? Werner-Lobo: Mit dem Weg über die Marken kann ich Leute begeistern, die sich noch nie mit Wirtschaftspolitik beschäftigt haben. Markenfirmen investieren Hunderte Millionen, um ihr Image mit emotionalen Werten aufzuladen. Jugendliche haben eine große Verbundenheit zu Coca Cola oder Nike. Wenn ich nachweise, welche Formen der Ausbeutung hinter diesen Images stecken, fühlen sich die Jugendlichen betrogen – das ist, als ob eines ihrer Familienmitglieder ein Krimineller wäre!

Text: peter-wagner - Foto: Paul Sturm

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