Wir haben viel mehr Zeit

Im Studium Kinder kriegen - Kathrin Dressel findet das gut
christina-waechter

"Auf der Suche nach der gewonnenen Zeit" - so heißt ein Forschungsprojekt, das sich mit der Frage beschäftigt hat, warum so viele Akademikerinnen kinderlos bleiben. Dass Kinder und Karriere scheinbar nicht zu vereinen sind, liegt nach Ansicht der Forscher vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) vor allem daran, dass Studentinnen verzweifelt versuchen, zwischen 25 und 35 alles unter einen Hut zu bekommen. Wir sprachen mit der Diplom-Soziologin Kathrin Dressel, die an dem Projekt mitgeabeitet hat, über ihren Vorschlag, das zum Normalfall zu machen, was immer noch als ungünstige Ausnahme gilt: Während des Studiums schwanger zu werden. Was genau steht hinter der Idee einer Entzerrung von Beruf und Familie? Wir plädieren für eine Umgestaltung unserer Lebensläufe - vor dem Hintergrund, dass wir wegen der zahlreichen hinzugewonnenen Lebensjahre eigentlich viel mehr Zeit sowohl für Familie als auch berufliche Karriere zur Verfügung hätten. So könnte man die Lebensspanne erweitern, in der Kinderwünsche realisiert werden. Können Sie das erklären? Eine biographische Option unter anderen wäre dann eine frühe Familiengründung, noch vor dem Einstieg ins Erwerbsleben. Es ist also ein relativ simpler Ansatz: Wir brauchen mehr Zeit, Familie und Karriere in unserem Leben unterzubringen, damit beides machbar wird, falls das gewollt ist. Wir haben diese Zeit auch, schließlich haben wir heute eine durchschnittliche Lebenserwartung von 80 Jahren und mehr. Aber - wir sehen und nutzen die Zeit nicht. Heute gilt noch immer: erst die Ausbildung beendigen, dann Berufstätigkeit und im Anschluss daran eine sehr lange Phase des Ruhestands. Dadurch entsteht mit Anfang 30 eine Zeitnot - eine Rushhour. Was verstehen Sie unter dem Begriff "Rushhour"? Die Gleichzeitigkeit von Familiengründung und Berufsstart. Zustande kommt diese Rushhour dadurch, dass institutionelle Rahmenbedingungen und normative Altersvorstellungen zusammentreffen. Zu den institutionellen Rahmenbedingungen gehört zum Beispiel die lange Verweildauer der Schüler und Studierenden in den einzelnen Bildungsgängen. In Deutschland sind Studierende 29 Jahre alt, wenn sie einen ersten berufsqualifizierenden Abschluss erreichen, im Gegensatz zu anderen Ländern. Unsere normativen Altersvorstellungen aber geben uns vor, dass wir spätestens mit 30 den Fuß in der Karrieretür haben müssen. Mit 50 Jahren gehören wir auf der anderen Seite bereits zum "alten Eisen" - was nebenbei bemerkt vollkommen unsinnig ist, wenn man an die heutige Lebenserwartung denkt. Wir leben unser Leben, als sei es mit 50 zu Ende. Eine weitere Altersnorm ist im Zusammenhang mit dem Erstgebäralter zu beobachten. So fühlen sich die meisten Männer und Frauen unter 30 noch zu jung für eigene Kinder. Frauen sollten aber auch nicht älter als 35 Jahre sein, sonst gelten sie automatisch als Risikoschwangere. Wenn man sich nach diesen ganzen Vorstellungen richtet, bleibt natürlich nur wenig Zeit, Familie und Karriere zu vereinbaren. In der Realität verlieren aber viele Menschen doch tatsächlich mit 50 ihren Job. Gleichzeitig wird den Studenten immer gesagt, sie seien international nicht wettbewerbsfähig. Werde ich mit 20 schwanger, zieht sich mein Studium doch noch länger hin - schlecht für den Beruf. Diese Frage spielt wieder auf die Illusion an, wir müssten alles möglichst früh und möglichst schnell schaffen. Da muss ein Umdenken in unseren Köpfen stattfinden. Wir müssen nicht alles in möglichst kurzer Zeit bewerkstelligen. Außerdem ist es besser, später in den Beruf einzusteigen, dann aber kontinuierlich und intensiv zu arbeiten. Es ist stärker verpönt, mit 30, wenn ich mich beruflich noch kaum etabliert habe, gleich wieder auszusteigen, um ein Kind zu bekommen, als wenn man einfach später das Arbeiten anfängt. Da ist es doch besser, wenn ich die Familienphase nach vorne ziehe und dann kontinuierlich meiner Erwerbstätigkeit nachgehen kann. Wenn es um die Kinderlosigkeit unter Akademikern geht, werden die Frauen in die Pflicht genommen. Wo bleiben die Männer? Natürlich ist unser Ansatz für beide Geschlechter relevant. Die Familiengründung nach vorne oder hinten zu verlagern ist auch eine Option für Männer. In der Realität ist die anfangs beschriebene Zeitknappheit aber leider ein Frauenproblem. Zum einen, weil Altersnormen, besonders im Bezug auf den Zeitpunkt des Kinderkriegens, für Frauen wesentlich stärker gelten. Zum anderen, weil für Frauen die bisher gelebte Gleichzeitigkeit wesentlich schwerwiegendere Folgen hat. Denn obwohl sich der weibliche Lebensverlauf dem männlichen angenähert hat, also Frauen nicht mehr nur für die Familie zuständig sind, sondern Berufstätigkeit mittlerweile zur ihrer Lebensplanung gehört, hat sich der männliche Lebensverlauf kaum dem weiblichen angenähert. Männer sind nach wie vor vollzeiterwerbstätig und Frauen tragen fast die alleinige Verantwortung für die Haus- und Familienarbeit. Bei Ihrem Modell hat man den Eindruck, dass sich nicht in der Gesellschaft etwas ändern soll, sondern dass Frauen sich Nischen suchen müssen, um Beruf und Familie vereinbaren können. Da fühle ich mich missverstanden! Wir sagen ganz deutlich, dass zuerst die Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen, damit ein kultureller Umbruch stattfinden kann, also die Familie und Beruf entzerrt werden, so dass beides machbar wird. Dazu gehört in erster Linie der weitere Ausbau von flexibler, kostengünstiger und qualitativ hochwertiger Ganztags-Kinderbetreuung für Kinder im Krippen-, Kindergarten und Schulalter. Für Frauen und Männer, die während des Studiums eine Familie gründen wollen, müssen die Pflichtveranstaltungen an den Hochschulen zu Zeiten angesetzt werden, in denen die Betreuung der Kinder gewährleistet werden kann. Im Bezug auf die finanzielle Unterstützung darf natürlich auch die Vergabe von Darlehen zur Finanzierung von Studiengebühren nicht an das Alter der Studierende gekoppelt sein. Generell sollte jedem klar sein: Wir haben wesentlich mehr Zeit, als wir meinen - und wenn die Voraussetzungen geschaffen werden, können wir diese Zeit auch nutzen. Interview: christina-kretschmer.jetzt.de

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