"Wir halten uns schon für verdammt lässig"

Für gar nicht wenige Menschen sind die Shins die beste Indieband der USA. Jetzt kommt das funkelnde fünfte Album der Band. Höchste Zeit für ein Gespräch!
steffen-rueth
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Illustration: Julia Schubert


  James, ich habe mir den Port of Morrow mal im Netz angeguckt. Das ist ein ziemlich tristes Industriegebiet am Columbia River, irgendwo in der Pampa von Portland. Was soll das mit dem Albumtitel?
  James Mercer: Ich glaube auch nicht, dass wir den Ort nennenswert popularisieren werden. Ich habe mir die Website auch angeschaut, sieht wirklich langweilig aus. Den Ausschlag, die Platte so zu nennen, gab nicht das Gewerbegebiet , sondern das Hinweisschild an der Autobahn. Für mich hat dieser Wegweiser einen mystischen, geheimnisvollen Klang. 
    
  Wir sollten nicht nur über den Tod, sondern auch über Wiedergeburt reden. Alles wieder gut mit den Shins?
Ja, alles bestens. Es fühlt sich wieder gut an. Nach langer Zeit war ich endlich wieder bereit, Shins-Musik zu machen. Ich bin erfrischt, und es macht wieder Spaß.
  
  Nach „Wincing the Night away“ stand die Band stark infrage, oder?
Es war wirklich unklar, ob und, wenn ja, wie es mit den Shins weitergehen sollte. Ich hatte null Bock, wieder mit den Shins ins Studio zu gehen, in dieser Phase hing alles in der Luft. Nach der positiven Erfahrung mit den Broken Bells war ich wieder raus aus meinem kleinen Loch. Ich hatte diese Songs, die ich veröffentlichen wollte, und ich konnte mir nicht helfen – es waren einfach Shins-Songs.
  
  Das Personal ist größtenteils neu. Ist das jetzt der Beginn einer neuen Ära?
  Ein Stück weit. Das Album passt aber auch in eine Reihe mit den anderen drei. Wir haben das Schiff nicht verlassen, wir sind noch die Shins. 
 
  War der „Simple Song“ leicht zu komponieren oder heißt der nur so?
  Der „Simple Song“ war sauschwer, mit dem hatte ich wirklich Probleme. Es gibt ungefähr eine Million unterschiedlicher Dinge, die dir beim Songschreiben oder beim Produzieren Schwierigkeiten bereiten können. Beim „Simple Song“, dessen Gerüst ich in ungefähr zehn Minuten komponiert hatte, machte die Produktion Probleme. Die Verse waren cool und voller Energie, aber der Refrain klang anfangs blass und scheiße. Das war ein kompliziertes Puzzle, das sich da vor mir aufgetürmt hatte. Am Ende habe ich meine Stimme enorm fordern müssen, damit das Lied genug Kraft bekommt.
 
http://vimeo.com/37323332


  Wo verläuft denn bitte die „40 Mark Strasse“, nach der ein Lied benannt ist?
  In der Pfalz. Auf der Straße zwischen Kaiserslautern und Ramstein standen immer diese jungen Mädchen. Mein Vater war auf der Airforce-Basis in Ramstein stationiert, die Soldaten benutzen immer diesen Ausdruck für die Straße. Ich fand die Mädchen spannend, sie sahen aus wie etwas ältere Schülerinnen, und ich fragte meine Eltern, warum die da immer stehen. So lernte ich mit neun oder zehn, was Prostituierte sind. „Ladies of the Evening“ war der Ausdruck, den meine Mutter benutzte. Mich hat das irritiert und auch ein bisschen angezogen. An Deutschland habe ich wirklich nur schöne Erinnerungen. 
  
  Ist auch „The Fall of 82“ eine Erinnerung an deine Kindheit?
  Ja. Nach unserer Zeit in Deutschland zogen wir wieder nach New Mexico, das war ein Kulturschock für mich. Ich war 11 oder 12, im Kopf immer noch ein Kind, aber plötzlich erschien mir die Welt so erwachsen. Ich kam nicht gut mit der Situation klar, meine Eltern waren auch keine Hilfe. Ich glaube, ich hatte vor allem Heimweh nach Deutschland. 
  
  Euer Produzent war Greg Kurstin, ein Mainstream-Mann aus Los Angeles, der Pink oder Lily Allen produziert hat. Ist das nicht etwas poppig für die Shins?
  Ich verstehe, was du meinst, aber ich hatte diese Befürchtungen nicht, denn ich kenne Greg schon lange. Er ist ein alter Freund. Er kann alles spielen, als Musiker ist er klasse, deshalb bekommt er auch so viele unterschiedliche Anfragen.
 
  Die Shins sind jetzt eine Chartband. War das eine Umstellung für dich?
  Mein persönliches Leben hat sich dadurch nicht verändert. Du machst dir bloß einen gewissen Druck, denn du willst unbedingt einen guten Job machen, weil du weißt, dass jetzt mehr Menschen darauf achten werden, was du tust.
  
  Du hast zuletzt auch ein bisschen geschauspielert, und zwar in „Portlandia“. Portland gilt als hipper Ort. Hat die Serie die Stadt noch hipper gemacht?
  Kann gut sein. Die Leute in Portland finden die Serie echt irre und gucken sie wie verrückt. Ich weiß nicht, ob „Portlandia“ gute oder schlechte Werbung für die Stadt ist. Die Show macht sich ja ganz schön lustig über uns.
  
  Bist du typischer Portland-Bewohner?
  Total. Von vorne bis hinten. Wir halten uns schon für verdammt lässig.


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Illustration: Julia Schubert


"Port of Morrow" von The Shins erscheint am 20. März bei Sony Music

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