Wo Jesus wohnt

Die Fotografin Julia Sellmann hat mehrere Wochen bei einer Sekte in Sibirien gelebt. Deren Messias predigt aus einem Bilschirm heraus Ein Protokoll.
charlotte-haunhorst

"Vor einem Jahr lebte ich um diese Zeit in der sibirischen Taiga. Ich habe mich schon immer für Gemeinschaften und Gruppendynamiken interessiert, deshalb sollte sich auch mein Bachelorprojekt fotografisch mit diesem Thema auseinandersetzen. Über Recherchen bin ich auf die „Kirche des letzten Testaments“ gestoßen und wusste sofort: Dort würde ich gerne fotografieren. 

Die Kirche des letzten Testaments bezeichnet sich selbst als „Ökopolis Tiberkul“, also frei übersetzt „ökologische Stadt Tiberkul“. Tiberkul ist ein See in der südsibirischen Taiga, in dessen Nähe 4000 der weltweit 8000 Sektenmitglieder als Selbstversorger leben. Es gibt kaum technische Hilfsmittel, das Essen kommt aus dem eigenen Garten, das Wasser aus dem Fluss. Und: Alles wird innerhalb der Gemeinschaft geteilt.  



Bildergalerie kann leider nicht angezeigt werden.



Dass die Sekte sich ausgerechnet in Sibirien niedergelassen hat, liegt an ihrem Messias: Sie glaubt, dass der ehemalige russische Polizist Sergei Anatoljewitsch Torop, besser bekannt als Wissarion, eine Wiedergeburt von Jesus von Nazareth ist. Er selbst hat den Ort in Sibirien für sich und die Sekte ausgewählt, weil er sagt, nur dort sei die Gemeinschaft vor dem drohenden Weltuntergang sicher. Die Taiga, ein riesiges Waldgebiet, ist für ihn eine Art Schutzwall vor schlechten Einflüssen der Außenwelt, mit der sie nichts zu tun haben wollen. Deshalb ist es für die Wissarion-Anhänger auf der ganzen Welt so wichtig, möglichst zu ihm in die Taiga zu ziehen. 

Wissarion kommt auf die Bühne. Er sagt einen Satz auf Russisch. Viele Leute fangen an zu weinen

Diese Geschichte reizte mich. Ich stellte mir vor, wie ich, wenn ich längere Zeit mit der Sekte leben würde, irgendwann Zugang zu den Menschen dort finden und Fotos machen könnte. Als ich meinen Eltern schließlich von der Idee erzählte, haben sie mich direkt unterstützt. Erst später haben sie zugegeben, dass sie sich auch Sorgen gemacht haben. 

Auch wenn ich selbst gar nicht religiös bin – man weiß nie, wie man auf so eine neue Situation reagiert. Deshalb haben wir gemeinsam eine Sektenberatung kontaktiert. Die waren erst mal überrascht: Meistens melden sich bei ihnen Leute die aus- und nicht einsteigen wollen. Sie haben dann aber auch gesagt, dass die „Kirche des letzten Testaments“ nach allem, was man bisher über sie weiß, eher harmlos ist. Die wollen niemanden missionieren. Stattdessen sind sie der Überzeugung, dass man, wenn man einmal bei ihnen in Wissarions Nähe war, von ganz alleine zurückkommt. Weil man mit dem Wissen von diesem paradiesischen Ort im normalen Leben nicht mehr glücklich sein kann. Und genau das wollte ich ja: Wissarion treffen und seine Gemeinschaft kennenlernen.  

Auch wenn die Sekte eher technikskeptisch ist, hat sie trotzdem eine Webseite. Darüber habe ich ihnen auf Englisch gemailt und meine Idee vorgestellt. Überraschenderweise haben sie tatsächlich zurückgeschrieben und gesagt, ich könne gerne in ihrem Gästehaus wohnen, sie würden mich auch vom Flughafen abholen.  Als der Abflug dann bevorstand, hatte ich schlaflose Nächte. Als Erkennungszeichen hatte ich ihnen gesagt, dass ich einen roten Rucksack tragen werde. Aber was, wenn da dann einfach niemand am Flughafen steht? Als ich in Abakan landete, wurde ich tatsächlich von zwei Leuten abgeholt, von denen ich bis heute nicht weiß, wer das genau war. Sie konnten kein Englisch, ich kein Russisch. Nach einer Stunde Fahrt sollte ich in ein anderes Auto umsteigen, in dem ein Pärchen saß. Da hatte ich schon ein mulmiges Gefühl, die hätten mich ja überall hinbringen können. Zwei Stunden fuhren wir durchs Nirgendwo. Am Ende wurde kamen wir zum Gästehaus in Petropawlowka, das kurioserweise einer Deutschen gehört, die zu dem Zeitpunkt gerade nicht da war. Mein neues Zuhause für die kommenden sechs Wochen.  

Die ersten Wochen waren hart. Kein Handynetz, kein Internet und wegen der Sprachbarriere auch kein Zugang zur Gemeinschaft. Außerdem gab es fast keine Gleichaltrigen – die meisten Menschen haben sich Wissarion in den Neunzigerjahren angeschlossen und sind dementsprechend alt. Wenn überhaupt, haben sie Enkel.  Nur langsam habe ich verstanden, wie die Gemeinschaft funktioniert: Wissarion lebt mit seiner Frau und seinen Kindern nicht in Petropawlowka, sondern gemeinsam mit 50 ausgewählten Familien in der sogenannten Modellstadt, vier Fußmarschstunden entfernt, am Fuße des Berges Gora. Selbst wenn man ein Auto hätte, käme es kaum diesen Berg hinauf. In der Modellstadt predigt Wissarion jeden Sonntag. Dorthin ziehen zu dürfen, muss man sich aber verdienen, welche Kriterien es dabei gibt, weiß niemand genau. Wenn man allerdings zur „einheitlichen Familie“ gehört, darf man immerhin Videos von Wissarions Predigten anschauen.  

Auch diesen Status muss man sich verdienen. Man muss in einer Partnerschaft leben, ein eigenes Haus mit Garten haben und einen Großteil seiner Zeit in den Dienst der Gemeinschaft stellen. Die Gläubigen, die noch nicht dazugehören, dürfen zwei Monate des Jahres außerhalb der Gemeinschaft arbeiten gehen, von ihrem Geld müssen sie dann aber etwas an die einheitliche Familie abgeben. Ich gehörte natürlich nicht dazu, also durfte ich auch die Videos nicht mit ansehen. 

Drei Mal im Jahr, unter anderem am 18. August, dem Tag, an dem Wissarion 1991 seine erste Rede vor Anhängern hielt, tritt er öffentlich in der Modellstadt vor seine Jünger. Um dieses Fest mitzuerleben, war ich genau zu dieser Zeit angereist. Kurz vor dem Fest waren alle in Petropawlowka sehr aufgeregt. Die Leute zogen schicke weiße Gewänder an, wie ich sie auch auf den Fotos festgehalten habe. Gemeinsam pilgerte man dann zur Modellstadt. Dort war auf einer Art Lichtung eine Bühne aufgebaut, auf die Wissarion kommen sollte. Vorher schwärmten die Leute mir gegenüber, wie charismatisch er sei, dass seine Stimme einen sofort gefangen nehmen würde. Schließlich kam ein Mann Mitte 50 auf die Bühne, der optisch tatsächlich an unser Klischee von Jesus erinnerte: Lange, braune Haare, weißes, wallendes Gewand und Sandalen. Wissarion! Er sagte dann mit tiefer Stimme einen Satz auf Russisch und viele Leute fingen an zu weinen.   Das war’s. Danach ging er wieder. Ich habe die Leute gefragt, was er denn gesagt habe. Sie meinten: „Ihr wisst schon viel.“ Für sie war das die Botschaft, dass auch sie, die nicht in der Modellstadt wohnen, weit mit dem Glauben vorangeschritten sind. Ich fand das eher enttäuschend. 

In den Wochen nach dem Fest habe ich dafür immer mehr Zugang zur Gemeinschaft bekommen. Petra und Siggi, ein deutsches Paar, das „von Wissarion zusammengeführt“ worden war, hat mir unter anderem dabei geholfen. Viele Leute waren skeptisch gegenüber meiner Kamera, weil sie meinten, an ihrer Herstellung seien auch schlechte Menschen beteiligt gewesen. Andere waren aus den verschiedensten Gründen sehr offen. Eine Frau hat sich zum Beispiel nur von mir fotografieren lassen, weil mein T-Shirt dieselbe Farbe hatte, wie ihres und sie dadurch eine Verbindung zwischen uns spüren konnte. Insgesamt waren die Leute sehr interessiert an mir. Sie wollten wissen, wie ich Wissarion finde und wie es mir bei ihnen gefällt. Wenn ich dann gesagt habe, dass ich sie mag, Wissarion aber nicht für Jesus Christus halte, waren sie zwar ein wenig enttäuscht, haben das aber akzeptiert und trotzdem mit mir Blümchentee getrunken. 

Julia Sellmann wurde 1992 in der Nähe von Lüdenscheid geboren. Die Bilderserie "Ecopolis Tiberkul" über die gleichnamige Sekte in Sibirien ist ihr Bachelorprojekt an der FH Dortmund im Fachbereich Design. Sie lebt in Dortmund.

Natürlich war es für mich in der Gemeinschaft als Außenstehende tageweise auch sehr herausfordernd und ich habe abends oft mit dem Gedanken gespielt, früher abzureisen. Andererseits habe ich diese Leute auch bewundert: Die geben ihr bisheriges Leben völlig auf, um im Glauben an eine bestimmte Sache jeden Morgen früh aufzustehen, ihren Garten zu bestellen und zu beten. Sie sind damit glücklich.

Interessanterweise hat mir das auch eine gewisse innere Ruhe gegeben. Zurück in Dortmund habe ich es, auch wenn einen der Alltag bekanntlich ja schnell wieder einholt, geschafft, ein Stück dieser Ruhe und Gelassenheit aus meiner Zeit in Sibirien mitzunehmen."

Text: charlotte-haunhorst - Fotos: Julia Sellmann

  • teilen
  • schließen