Wohnen mit Oma-Anschluss

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Die Straßen haben unschuldige Namen, sie heißen Himmelschlüsselstraße und Leberblümchenweg. Hier in der Fasanerie, fünf S-Bahn-Stationen von der Innenstadt entfernt, wohnen Menschen, die hinter Spitzengardinen Orchideen züchten oder Hundesalons betreiben.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Hinter der Haustür eines eierschalenfarben Reihenhäuschens hüpft ein Schosshund gummiballartig auf und ab. Eine alte Dame in pinkfarbenem Häkelpulli und blauen Wollhausschuhen öffnet die Tür und mahnt Yorkshire-Terrier Flori, sich anständig zu benehmen. Sonja Dietrich ist 81 Jahre alt und hat hübsche, silbergraue Locken, die von zwei Klammern gehalten werden. Neben Hund und Frauchen steht Lidia Mitrofanova im Türrahmen – den Nachnamen kann sich Frau Dietrich immer noch nicht richtig merken. Lidia wohnt seit zweieinhalb Jahren im Dachgeschoss des Reihenhäuschens. Mietfrei. Dafür bügelt die 26-Jährige die Wäsche von Sonja Dietrich und ihrem Mann Stuart, mäht den Rasen und geht mit Schoßhund Flori allmorgendlich von einem Baum zum nächsten. Die kleine WG ist ein Beispiel für „Wohnen für Hilfe“, ein Projekt, das der Seniorentreff Neuhausen in Kooperation mit dem Studentenwerk München durchführt. Seit 1996 gibt es in München solche Wohngemeinschaften von Senioren und Studenten, der Deal ist dabei immer gleich: ein Quadratmeter Wohnfläche gegen eine Stunde Arbeit pro Monat. Lidia hat 30 Quadratmeter zur Verfügung – das ganze obere Stockwerk des Hauses. Das bedeutet: sie hilft den Dietrichs 30 Stunden im Monat. Lidia hat ihre Stunden aber noch nie aufgeschrieben: Sie schmeißt den Haushalt, und arbeitet, solange es was zu tun gibt. „Eigentlich gab es nie Probleme. Sie hat gleich alles so ordentlich gemacht“, erzählt Frau Dietrich, die an ihrem polierten Holztisch im Wohnzimmer sitzt. Hinter ihr steht eine dunkelbraune Schrankwand. An der Wand hängen Familienfotos und Ölgemälde mit in Seenot geratenen Segelschiffen. „Ich schätze an Lidia, dass sie zuverlässig ist und ehrlich und alles picobello macht. Am Anfang, da musste man sich halt aneinander gewöhnen. Aber geschlagen haben wir uns noch nie, gell?“ Frau Dietrich guckt herausfordernd zu Lidia. „Nein, noch nie“, sagt Lidia und lächelt. Die Dietrichs und Lidia haben ihr Zusammenleben als Zweck-WG gestartet: Die Russin hatte gerade die Zusage für einen Studienplatz in Deutschland bekommen. Plätze im Wohnheim waren rar und teuer. Die Dietrichs merkten in dieser Zeit, dass die Bewältigung des Haushalts immer mehr Kraft kostete. Ein Zeitungsartikel brachte das Ehepaar auf die Idee, beim Projekt „Wohnen für Hilfe“ mitzumachen. Lidia war die erste Kandidatin, die vom Seniorentreff Neuhausen geschickt wurde. „Sie hat uns gleich gefallen“, erinnert sich die Vermieterin. Inzwischen ist fast so etwas wie eine kleine Familie aus der russischen Studentin und dem kinderlosen Ehepaar geworden. „Wenn ich was erzählen will, dann komm’ ich einfach runter, auch wenn es etwas Neues gibt oder ich Hilfe brauche.“ Lidia hört auch oft zu, wenn Frau Dietrich über ihre Verwandten, ihre Reisen, ihr Leben erzählt. „Wir hätten es gern, dass sie noch mehr Zeit hätte. Aber sie ist ja schließlich zum Lernen da, nicht zur Unterhaltung“, meint Frau Dietrich. „Mein Mann sagt immer: so ein Enkelkind hätten wir gerne. Das kann man schon sagen, dass sie jetzt ein bisschen zur Familie gehört.“ Dass sich familiären Strukturen entwickeln, sei ganz typisch für die WGs, erzählt Gisela Frangenheim vom Seniorentreff Neuhausen. „Ungefähr die Hälfte der Studenten, die wir vermitteln, sind Ausländer. Denen geht es oft um Familienbezüge.“ Am Küchenherd kann man sich eben auch dann geborgen fühlen, wenn er nicht der eigenen Oma gehört. Und auch den Senioren geht es um soziale Kontakte. Nach einer Weile machen sich die alten Leute schon Sorgen um ihre Studenten, als wären es die eigenen Enkel. Sie leiden mit bei Prüfungen und fragen, warum es am Abend vorher so spät geworden ist. Gefährliche Stöckelschuhe Gisela Frangeheim koordiniert und betreut das Projekt „Wohnen für Hilfe. Insgesamt 197 Wohngemeinschaften von Studenten und alten Menschen wurden in München schon vermittelt. Ungefähr 50 davon gibt es noch – die anderen haben sich inzwischen aufgelöst, zum Beispiel, weil der Vermieter in ein Pflegeheim ziehen musste oder starb. Ziel des Projekts ist nicht nur, dass Studenten Geld sparen und Senioren gesaugte Teppichböden haben. Es geht um den Kampf gegen die Vereinsamung. Durch die Unterstützung können ältere Menschen länger selbständig leben, der Umzug ins Altenheim lässt sich hinauszögern. „Die Generationsunterschiede sind spannend“, findet Lidia, die seit fünf Semestern an der Ludwig-Maximilians-Universität Italienisch, Deutsch und Englisch studiert. „Ich habe eigene Großeltern, aber mit denen hab’ ich nie so eng zusammen gewohnt. Es gibt schon einiges, wo man merkt, dass wir aus unterschiedlichen Generationen kommen.“ Frau Dietrich findet zum Beispiel Stöckelschuhe gefährlich, sie hält es für unanständig, mit offenen Haaren aus dem Haus zu gehen und Mobiltelefone sind für sie in erster Linie teuer und überflüssig. „Lidia? Die braucht kein Handy. Sie kann hier telefonieren, wann sie will.“ Und Männerbesuch im Hause Dietrich? Frau Dietrich ist nur ganz kurz ein bisschen erstaunt. „Die Frage hat sich nie gestellt. Lidia hat mir ihre Verehrer immer verheimlicht. Ehrlich gesagt, wenn sie jeden Tag mit Freund hier ankommen würde – das wäre nix. Da könnt ich ja gleich an zwei vermieten!“ Die Senioren, die ihre Wohnung für Studenten öffnen, sind meist älter als 75. „Und es sind häufig offene Menschen, die viel gereist sind“, sagt Gisela Frangenheim. Stuart und Sonja Dietrich passen sehr gut in diese Kategorie. Sie haben alle Staaten der USA bereist und eine Weile in Südafrika und Namibia gelebt. „Aber jetzt“, sagt Frau Dietrich, „habe ich ausgereist. Mein Mann würde gerne noch in der Welt rumkutschieren.“ Tragödie im Vorgarten Sie öffnet im Dachgeschoss die Tür zu Lidias Wohnzimmer. Ein alter Computer, eine Kommode, zwei Sessel. Hinter dem Tisch hängt ein Wandteppich aus Mali in braun und beige. Den hat Frau Dietrich mal gekauft, damit ein armer Mensch in Afrika am Ende seines Arbeitstages Geld mit nach Hause bringen konnte. Am Dachfenster ist ein kurzer roter Wollvorhang festgemacht. Die Frau, die vor Lidia hier gewohnt hat, hatte ihn abgehängt. Und den Wandteppich aus Mali auch. Frau Dietrich muss heute noch den Kopf schütteln, wenn sie daran denkt. „Ich kann gar nicht verstehen, dass jemand so eine Aversion gegen einen Vorhang entwickeln kann.“ Dass Lidia in der Wohnung alles verändert, das hätte Frau Dietrich nicht gewollt. Aber Lidia hatte in ihrem Gepäck keinen Platz für Möbel und Vorhänge. Und der Wandteppich aus Mali stört sie nicht. „Man muss schon tolerant sein, wenn man so wohnt. Und man braucht Geduld, sonst geht es nicht“, sagt Lidia. Gisela Frangenheim vom Seniorentreff kann das nur bestätigen: „Die Erfahrungen mit ,Wohnen für Hilfe’ sind durchweg positiv – Voraussetzung ist aber, dass beide Seiten Offenheit mitbringen und es nicht nur darum geht, die Miete zu sparen.“ Bei Lidia und den Dietrichs hat das Zusammenleben bislang gut geklappt. Nur einmal sei eine Tragödie passiert, erzählt Lidia. Frau Dietrich winkt ab. So schlimm sei das nicht gewesen, sagt sie, aber dann holt die alte Dame doch zwei Polaroid-Bilder und zeigt ihren ganzen Stolz: die Hortensien im Vorgarten. Lidia sollte die Pflanzen kürzen und verpasste ihnen einen flotten, sommerlichen Schnitt. Das führte dazu, dass der Vorgarten der Dietrichs ein Jahr lang hauptsächlich braun blieb. Inzwischen hätten sich die Hortensien aber wieder erholt, versichert Frau Dietrich und Lidia nickt sehr erleichtert. Sie will Ende des Jahres wieder zurück nach Kasan, einem Städtchen an der Wolga, zwischen Moskau und dem Uralgebirge. Die Dietrichs wollen dann gerne eine andere Studentin einziehen lassen. Falls die nicht so „pflegeleicht“ sein sollte wie Lidia, wird sich eine Lösung finden, meint Frau Dietrich: „Wenn man sich nicht versteht, sagt man einfach: Such dir mal was anderes. Man ist ja nicht verheiratet miteinander.“ Dieser Text ist Teil der jetzt.muenchen-Seite, die dienstags im Münchner Lokalteil der Süddeutschen Zeitung erscheint. Foto: Maria Dorner

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