Zorn im Bauch - Interview zum Praktikantenstreik

Am kommenden Samstag gehen in Paris, Brüssel und Berlin die Praktikanten auf die Straße – und mit ihnen all jene, die gegen unbezahlte Praktika und andere Formen der Ausbeutung junger Arbeitnehmer protestieren wollen. Wir sprachen mit Frank Schneider, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Vereins fairwork, der die Demonstration mitorganisiert.
christoph-koch

Die Demo findet am 1. April statt – ein absichtlich gewähltes Datum? Ja, denn auch in Frankreich und Belgien werden die Leute an diesem Termin in den April geschickt. Wir wollen den Praktikanten klarmachen: Lasst euch nicht verarschen! Lasst euch nicht in den April schicken! Arbeitet nicht für kein Geld! Anders formuliert: Ein Praktikum, das ein ganzes Jahr dauern soll – wollt ihr mich in den April schicken?

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Illustration: Julia Schubert

Foto: privat Viele der Berliner Demonstranten werden die weißen Masken tragen, die man bereits aus der französischen Bewegung „Génération Précaire“ kennt. Die Masken sind symbolhaft, denn in vielen Fällen sind Praktikanten Beschäftigte ohne Gesicht. Niemand merkt sich ihren Namen, niemand will wissen, wer sie sind, denn schon bald kommt eh der nächste. Warum findet der Protest ausgerechnet an einem Samstag statt? Wäre es nicht sinnvoller, an einem Werktag zu streiken? Viva sendet nur Schwarzbild, alle Betriebe, in denen die meiste Arbeit von Praktikanten gemacht wird, sind komplett lahm gelegt … (lacht) Ja, das wäre mal ein schönes Zeichen. Aber der 1. April war uns ein wichtiger Termin. Da er nun auf einen Samstag fällt, ist es eher eine Demonstration als ein Streik. Könnten Praktikanten denn überhaupt gut streiken? Das größte Problem ist, dass die Praktikanten nicht vernetzt sind. Anders als bei einem gewerkschaftlich organisierten Streik muss jeder Einzelne aufstehen und zum Streik gehen. Das macht es so schwierig, zeigt aber gleichzeitig das Problem auf: Die meisten Praktikanten fühlen sich ihrem Abreitgeber völlig verpflichtet und bringen ihm wahnsinnige Loyalität entgegen – obwohl sie nicht einmal Geld dafür bekommen. Was soll der Protest erreichen? Wir wollen Praktika nicht verbieten, das wäre Blödsinn. Aber nach dem Studium sollte man nur noch in Ausnahmefällen eins machen müssen. Man hat schließlich eine abgeschlossene Ausbildung, hat währenddessen ein Praktikum absolviert, bringt also etwas mit. Wenn man doch noch ein Praktikum machen möchte, wie sollten die Bedingungen dafür aussehen? Das Praktikum darf im Betrieb keine reguläre Stelle ersetzen. Die Bezahlung sollte bei rund 750 Euro liegen, so dass man eben davon leben kann, ohne Gespartes zu benötigen oder die Eltern belagern zu müssen. Die Dauer sollte drei oder maximal vier Monate nicht überschreiten. Und am wichtigsten: Es muss einen Lerneffekt geben. Zum Beispiel braucht es einen Ansprechpartner, der Anleitung gibt, Arbeit bewertet und auch Fehler korrigieren kann. Von welchen Horror-Praktika wurde euch bei fairwork schon berichtet? Wir küren regelmäßig das Praktikum des Monats. Im Februar ging die Auszeichnung an eine Übersetzungsfirma, die ein „Praktikum in Heimarbeit“ anbot. Gesucht wurden Leute, die bereits Kenntnisse im Bereich Übersetzung haben, die Arbeitszeit betrug 30 Stunden die Woche, Bezahlung gab es keine. Die Demonstration beginnt am 1. April um 12 Uhr vor dem Brandenburger Tor. Auch Teilnehmer, die kein Praktikum (mehr) machen, sind eingeladen. Mehr Infos: fairwork-verein.de Diese Geschichte ist Teil der jetzt.de - Seite zum Thema "Job" vom 28. März.

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