Zu Besuch bei Europas erfolgreichsten studentischen Unternehmensberatern

Am Salierring zu Köln sitzt Nadine, 24, in einem Großraumbüro einem Studenten gegenüber, einem Bewerber, dessen Gesicht vor Aufregung gesundfarbig ist.
peter-wagner

Am Salierring zu Köln sitzt Nadine, 24, in einem Großraumbüro einem Studenten gegenüber, einem Bewerber, dessen Gesicht vor Aufregung gesundfarbig ist. Nadine fragt: Wie gehen Sie mit hoher Arbeitsbelastung um? Wie mit Stress? Die Oscar GmbH ist Europas größte studentische Unternehmensberatung. 1 000 Studenten mühen sich jährlich um gut 120 Praktikumsplätze. Sie bewerben sich genaugenommen um den Platz in einem Labor. Zwei Zimmer weiter. Geros Schreibtisch ziert ein Netz Zitronen und das Nudelfertiggericht „Pasta con Spinaci“. Gegenüber, auf Andreas’ Tisch, stehen zehn leere Cola-Light-Flaschen. Gero Sebastian Graf, 25, lässt seit acht Monaten sein Politikstudium ruhen und führt mit Andreas Bauer die Geschäfte von Oscar. Er spricht am Telefon von Stakeholdern und Performing Workshops, von Kernprozessen und Subprozessen, er schaut abwechselnd aus dem Fenster hinaus in den Himmel und auf den Boden. „Für das Projekt sind 23,6 Wochen angesetzt“, sagt Gero in die Muschel.

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Illustration: Julia Schubert

Gero, Andreas und das Team von Oscar; Foto: Dominik Asbach Seit 1992 haben Oscar-Mitarbeiter - die meisten sind BWL-Studenten - in über 300 Projekten beraten. Sie haben sich bei Bayer, Ford oder Coca-Cola über Probleme gebeugt, und das ist nur ein scheuer Blick in die Oscar-Referenzenliste, die einem Arbeitgeberwunschzettel von Wirtschaftsstudenten gleicht. 23,6 Wochen. Vielleicht unterscheidet sich die echte von der gespielten Wirtschaft durch das Komma hinter den Zeitangaben. Im Jahr 2005 lag der Umsatz von Oscar nahe 900.000 Euro. 30 000 Praktikanten im Monat Gero legt den Hörer auf und Andreas, der Hüne, verlässt den Raum. Im Basketball wäre er der Center, Gero der flinke Flügelspieler. Gero lässt seine Gesprächspartner kaum aus den Augen, seine Aufmerksamkeit folgt einem in einer Weise, dass eine Plauderei mit ihm der Sprechstunde mit einem vertrauten Arzt ähnelt. Vor allem eines seiner Worte verfängt sich im Sieb der Erinnerung. Exposure. Sich Aussetzen. Andreas steht auf, geht rauchen, kommt am Kaffeeautomaten vorbei, an dem sich die Arbeit von Oscar sozusagen vergegenständlicht. Den Automaten ziert ein Blatt mit der Aufschrift „Außer Betrieb“. Darüber ein zweites Blatt mit dem Schriftzug: „um nicht zu sagen: kaputt“. Unternehmen heuern Berater an, um Wahrheiten zu erfahren, von denen sie wissen, die aber besser eine Instanz von Außen verkündet. Am Automaten hat sich Oscar selbst beraten. Die Unternehmer mögen die Jungfräulichkeit, mit der Studenten ihren Kopf in ein Problem tauchen; sie mögen den Preis. Oscar-Berater kosten 210 Euro am Tag und um die 30.000 Euro je Projekt. Das ist ein Zehntel dessen, was „echte“ Beratungen verlangen. Gero: „Wir sind günstig, nicht billig.“ Er und jeder Mitarbeiter verdienen 400 Euro im Monat. Andreas steht in der Küche ein Stockwerk über Oscar. Hier hat das Organisationsforum Wirtschaftskongress (OFW) seinen Sitz, Oscar ist eine OFW-Tochter. Seit 1987 organisieren Studenten alle zwei Jahre einen Wirtschaftskongress mit zuletzt 1 200 Teilnehmern. Gastredner sind unter anderen die Vorstände des Metro-Konzerns, der Münchener Rückversicherung oder der Sprecher des Vorstandes der Deutschen Bank, Josef Ackermann. Mit dessen Verdienst im Jahr 2005 könnte Oscar für einen Monat fast 30 000 Praktikanten bezahlen. Andreas Bauer lehnt in der Küche am Fenstersims und zündet sich die erste Zigarette an. „Ich bin der Opa hier.“ Mit Opas kann man über Glück und Routine des Arbeitslebens reden. Opa Andreas, 25, hat 25 Monate Berufserfahrung bei Oscar, hat die Unternehmensprozesse so genormt, dass nachfolgende Studenten verstehen können, was ihre Vorgänger gemacht haben. Das ist nicht unwichtig, wenn alle drei Monate die Belegschaft fast vollständig wechselt. So lange dauern die Praktika. Nur die Leiter der Abteilungen und die Geschäftsführer bleiben länger. Oscar ist ein Schnellkochtopf, wie es etwa 40 in Deutschland gibt, wie sie sich Unternehmen für ihren Nachwuchs wünschen. Andreas erinnert sich an das Assessment-Center für den Job des Geschäftsführers. Vier Stunden in der Mangel des Beirats, alles ehemalige Oscarianer. „Du sagst etwas, was legitim ist – und die sagen: Stimmt nicht." Andreas ist sicher, dass die Beiräte ihn mit Bauchschmerzen eingestellt haben. Er galt als launisch, jetzt zieht er an der Zigarette und redet von „Grenzen“ und vom Handel „Leben gegen Arbeit“. Von dem Reiz, zu sehen, was mit Leuten bei Oscar passiert. „Sehen, wie sie Selbstsicherheit gewinnen“. Er redet von sich. „Wenn ich mich vergleiche, 2003 und heute – ich bin vielleicht nicht mehr der Kindskopf.“ Er ist jetzt Geschäftsführer. Gero berichtet von Tagen, die um 5.30 Uhr beginnen und an denen die letzte Mail um ein Uhr nachts den Account verlässt. Andreas erzählt von zwei aufeinander folgenden Nächten mit je drei Stunden Schlaf im Büro. Verantwortung wirkt tagfüllend. Die Kunden, die Mitarbeiter, das Privatleben – wieviel davon passt in 24 Stunden? Er erzählt von dem Tag, als er aus dem Büro in den Keller lief und heulte. „Es ging nicht mehr. Und ich kann gar nicht sagen, woran genau es lag.“ Es war zuviel. Er zieht von der Zigarette. „Danach hatte ich verstanden: Man muss nicht alle Anforderungen auf einmal und gleich gut erfüllen.“ Bei Oscar laufen sieben Projekte zur gleichen Zeit und künftige Aufträge müssen eingeworben werden. Andreas glaubt, dass man daran wächst: Aufgaben haben, denen man nicht gewachsen ist. Berufserfahrung im Schnellvorlauf. Ist es gut, so schnell vom Kindskopf zum Berater zu werden? Andreas zuckt die Schultern, die dritte Zigarette binnen einer halben Stunde in der Hand. „Wirklich reflektieren, wie ich mich hier verändert habe, das geht ja eigentlich gar nicht.“ Er hat bis November sein Privatleben eingefroren. Bis dahin ist er Geschäftsführer. „Ich will das fertig kriegen“ „Was lernen, was leisten, was bewegen - was für ein Motivationsscheiß, dachte ich“. Pia, 24, sitzt in einer Nudelküche und erlebte, wie sich die Oscar-Floskeln mit Inhalt füllten. Sie erinnert sich, wie sie nur ein Praktikum machen wollte und dann wieder gehen; wie der Rhythmus der Arbeit, der Herausforderung seinen Reiz gewann. Sie blieb, das Studium ruht. Pia kümmert sich um die Unternehmensentwicklung und seit einer Woche wohnt sie mit Andreas in einer WG. „Mich haben die Aufgaben und die Erfahrungen bei Oscar ja regelrecht überrollt. Du denkst immer nur: Ich will das hier fertig kriegen. Wenn ich es nicht mache und etwas nicht klappt, dann fällt es auf andere zurück“, sagt Pia. Deshalb funktioniert Oscar: Die flachen Hierarchien erzeugen einen unausgesprochenen Druck. Ein Praktikum bei Oscar bedeutet deswegen 23,6. Nicht 23. Die Zeit dort ist wie Mutter werden, mehr Erfahrung als Lernprozess. Inga, 25, Roman, 23, und Thomas, 23, arbeiten an einer Marktpotentialanalyse für ein Unternehmen der Stahlbranche. „Ich dachte: Oh Gott. Stahl. Da habe ich doch keine Ahnung von nichts“, sagt Inga. Die Fahrt zur Präsentation beim Kunden dauert eineinhalb Stunden, Gero sitzt am Steuer. „Er hat versucht, uns abzulenken“, sagt Roman. „Vier Mal bin ich durch die Präsentation gegangen“, erinnert sich Inga. Beim Unternehmen gibt es Lachshäppchen und Lob. Studentenberater haben keine Schablonen in der Tasche, wie vielleicht die großen Brüder von Oscar. Aber sie tapsen auf demselben Grat dahin, der auch im echten Arbeitsleben zwischen Privatem und Beruf verläuft. Soll die Arbeit das Leben bestimmen? „Nein“, sagt Inga. Kann man guten Gewissens um halb sieben aus dem Büro gehen? „Nein“, sagt Thomas. Vielleicht ist Oscar das Labor, in dem man gefahrlos das macht, von dem Gero sagt: Sich aussetzen. Und sehen, was der Sturm der Arbeit mit einem macht. Der Bewerber antwortete auf Nadines Fragen mit zwei Worten: „Ruhig bleiben.“ Diese Geschichte ist Teil der jetzt.de - Seite zum Thema "Job" vom 28. März.

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