Zu Besuch beim Protest

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Immer noch kann Sven Giegold sie sagen, diese weisen, einfachen Sätze über die Globalisierung. „Es ist kein Naturgesetz, dass sich die Welt globalisiert.“ Oder: „Von Freihandelszonen profitieren mächtige Interessensgruppen. Unsere einzige Möglichkeit, dagegen etwas zu tun, ist der Druck der Öffentlichkeit.“ Immer noch ist Sven Giegold die Hälfte seiner Zeit unterwegs, hält Vorträge und Seminare, plant Aktionen und Kampagnen. Und ab und an schreibt er Aufsätze darüber, was besser werden muss in Politik und Wirtschaft. Eigentlich ist alles wie früher.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Zurück auf der Treppe nach oben? Sven Giegold vor dem Ökozentrum, in dem sein Büro liegt. Sven Giegold, heute 37, ist einer der Gründer von Attac Deutschland, der Vereinigung der Globalisierungskritiker. Er ist ihr prominentester Vertreter, sein Gesicht ist das Gesicht der deutschen Globalisierungskritik. Kurz nach der Jahrtausendwende war Attac die politische Kraft der Stunde. Es schien, als würde hier so etwas wie eine neue 68er-Bewegung wachsen – nur kreativer, konstruktiver und ohne diese ganze verbohrte Ideologie. Die großen Magazine druckten Giegold-Interviews. „Neon“ wählte ihn zum wichtigsten jungen Deutschen. Und als im April 2004 über 500 000 Menschen gegen den Sozialabbau demonstrierten, saß Giegold im Studio von Sabine Christiansen und erklärte, warum die Demonstranten recht hatten. Heute wirkt das wie aus einer anderen Zeit. So als wäre es schon eine Ewigkeit her. Bio und Ballett Die Demonstrationen sind kleiner geworden. Man liest nur noch selten etwas über Attac. Bei Sabine Christiansen war Giegold auch schon lange nicht mehr. Manche finden: Attac sei in einer Krise. Giegold sagt, von einer Krise könne keine Rede sein: „Meiner Meinung nach hat sich die Situation einfach normalisiert.“ Wenn man das neue, normale Attac sehen will, muss man in die Kleinstadt Verden in Niedersachsen fahren. Am Stadtrand, direkt neben dem Netto-Supermarkt, liegt das Ökozentrum. Einige politische Initiativen haben dort ihre Heimat. Es gibt auch einen Bio-Baumarkt und ein Ballettstudio. Hier hat Sven Giegold sein Büro. Weil er aus Prinzip keinen Führerschein hat, kommt er mit einem Liegefahrrad angefahren. Anschließend zieht er ein viel zu großes Handy aus seiner Tasche. Dafür sei es strahlenarm, meint er. Giegold trägt einen Kapuzenpulli, keines dieser strengen Sakkos wie auf den alten Fotos. Er sieht jünger aus als 37, eher wie Mitte 20. Sein Büro ist klein, zwei Schreibtische aus Holz stehen an der Wand, über einem hängt eine Weltkarte, die die verschiedenen Länder in ihrer tatsächlichen Fläche zeigt. Afrika sieht dort ungewohnt groß aus, Europa ziemlich mickrig. Früher wurde in diesen Räumen Attac verwaltet. Heute gibt es eine richtige Geschäftsstelle in Frankfurt. Und während in der Anfangszeit ständig neue Freiwillige vorbei kamen, um Attac am Laufen zu halten, ist es an diesem Nachmittag völlig ruhig im Ökozentrum. Nur ab und an hört man ein paar Kinder die Holztreppe im Flur hinaufhopsen, weil bald die Ballettstunde anfängt. Giegold findet das ganz gut so. Er ist jetzt wieder etwas näher an seinen Wurzeln. Bei der vergangenen Bundestagswahl hätte er auch die Möglichkeit gehabt zu kandidieren, erzählt Giegold ruhig. Dann blickt er auf und lächelt kurz. „Aber ich glaube nicht, dass ich im Parlament den Unterschied machen könnte.“ So macht er weiter das, was er schon mit 13 gemacht hat: Er arbeitet für politische Bewegungen. Damals war seine Biologielehrerin mit der Klasse in den Harz gefahren, um ihnen die Folgen des Waldsterbens zu zeigen. Die Kinder sahen Bergrücken voller kahler Bäume. Sven gründete darauf eine Umwelt-AG an seiner Schule. Er engagierte sich jahrelang in der Jugendumweltbewegung, half nach dem Abitur das Ökozentrum aufzubauen und studierte Politik und Ökonomie in England. Dort erlebte er zum ersten Mal, wie Menschen aus der ganzen Welt gegen einen G8-Gipfel protestierten. Das beeindruckte ihn. Einige Mitstreiter und er gründeten wenig später Attac Deutschland. Das war vor sieben Jahren. Die Ziele der Gründer waren noch recht bescheiden: Sie forderten eine bessere demokratische Kontrolle der Finanzmärkte und eine Steuer auf Devisengeschäfte. Die Gruppe hatte weniger als 500 Mitglieder. Wie es nach den Protesten in Genua weiterging, liest du auf der nächsten Seite.


Dann kam Genua. Zum G8-Gipfel 2001 sollte es Proteste geben, wie man sie noch nie gesehen hatte. Attac Deutschland organisierte Busse nach Italien. In den friedlichen Protest mischte sich schnell Krawall. Die Polizei ging brutal gegen die Demonstranten vor und als ein Polizist einen jungen Autonomen erschoss, waren die jungen Aktivisten von Genua auf einmal das Thema Nummer eins. Sven Giegold beantwortete in seinem Büro in Verden tagelang die Fragen der Journalisten. Eine Woche später interviewte ihn der Spiegel. „Eigentlich“, meint Giegold heute, „war diese riesige Medienaufmerksamkeit gar nicht angemessen. Attac war ja zu keiner Zeit fähig, die Massen zu mobilisieren.“ Aber die Geschichte war perfekt: Junge Menschen aus aller Welt kämpften gegen die Mächtigen und für eine bessere Zukunft. Endlich schien es wieder eine große Bewegung zu geben, eine richtige Opposition. Attac war die perfekte Projektionsfläche. Und Sven Giegold war das passende Gesicht. Er war jung, gebildet, konnte schwierige Dinge einfach erklären, ohne dass sie falsch wurden. Er war so sachlich, dass ihn sogar konservative Politiker ernst nahmen.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Sven Giegold Drei Jahre später war Giegold ausgebrannt. Er beschloss, für ein Jahr nach Frankreich zu gehen. Statt Politik zu machen, schrieb er an seiner Doktorarbeit und besserte sein Französisch auf. Als er wiederkam, hatte sich einiges verändert. Es gab jetzt eine neue Linkspartei in Deutschland. Die Talkshows laden seitdem statt Giegold lieber Oskar Lafontaine ein, oder notfalls Katja Kipping. Die übermächtige Große Koalition habe den Protest schwerer gemacht, findet Giegold. Der verfahrene Föderalismus sei auch nicht hilfreich. Und die Weise, wie die Menschen bei uns über Globalisierung denken, hat sich grundlegend verändert. Vor ein paar Jahren merkten sie kaum etwas von deren Auswirkungen. Politik und Unternehmen kämpften für freien Handel und eine schnelle Globalisierung. Weil Gruppen wie Attac fanden, dass das ärmere Lände in ihrer Entwicklung störe, wurden sie als Globalisierungsgegner tituliert. Heute fürchten sich die großen Firmen aus dem Westen vor der Konkurrenz aus China und Indien. Viele Menschen haben Angst um ihren Arbeitsplatz. Und die Politiker greifen die Angst auf. „Manchmal“, erzählt Sven Giegold, „bin ich heute auf Veranstaltungen der einzige, der gegen Zölle und geschlossene Grenzen in den reichen Ländern ist.“ Dass er nicht mehr so in der Öffentlichkeit stehe, störe ihn dagegen kein bisschen, meint er. Gehalt von der Bio-Lehrerin Vielleicht müsse er einfach einmal zeigen, was sie hier im Ökozentrum aufgebaut haben, seit der Attac-Stress nachgelassen hat. Hinter einer der vielen Türen hat die Bewegungsstiftung ihren Sitz. Sie gibt Menschen die Möglichkeit, mit ihrem Kapital soziale Initiativen zu fördern. Giegold bekommt von der Stiftung jeden Monat 1000 Euro, für seine Arbeit bei Attac. Von dem Geld lebt er. Zu seinen Förderern zählt auch seine alte Biologielehrerin. Ein paar Schritte weiter hat der Verein Lobbycontrol sein Büro. Er möchte die Bürger über den Einfluss von Lobbyisten auf die Politik informieren. In einem anderen Zimmer ist die Zentrale von Campact. Die Initiative organisiert politische Proteste im Internet. Es sind ganz neue Arten des politischen Engagements. Sie sind vielleicht nicht so spektakulär wie eine große Innenstadt-Demonstration vor fünf, sechs Jahren. Dafür sind sie flexibler und schneller. Einiges lässt sich so besser erreichen. Sven Giegold plant währenddessen schon die nächste Aktion. Es soll endlich einmal wieder etwas richtig Großes werden – so etwas wie ein kleines Comeback für Attac. Endlich soll sich auch wieder die Öffentlichkeit für ihren Protest interessieren. Im Juni treffen sich die Regierungschefs der G8-Staaten im deutschen Ostseebad Heiligendamm – so wie damals in Genua. Es werde Konferenzen geben, Kulturveranstaltungen, kreative Aktionen und Massenblockaden, kündigt Giegold an. „Ich gehe davon aus, dass dort 100 000 Menschen auf der Straße sein werden.“

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