Zu dick

"Ein Bündel aus Babyspeck" schrieben Kritiker nach einem Auftritt von Tara Erraught. Über den Schlankheitszwang in der Opernwelt
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Anstatt Cappuccino zu trinken, bestellt Tara Erraught einen Ingwertee. Und obwohl die Münchner Herbstsonne scheint, wickelt sie einen Schal um ihren Hals. Immer wieder kommen Leute am Café vorbei, die ihr zuwinken. Sie winkt jedem mit einem Strahlen im Gesicht zurück. Hier, in Opernnähe, kennen sie viele. Die 28-Jährige ist Mezzosopranistin an der Bayerischen Staatsoper. Sie singt dort, seit sie 22 Jahre alt ist, da hatte sie ihr Gesangsstudium in Dublin noch nicht einmal abgeschlossen. Heute gibt die Irin ein Rollendebüt nach dem anderen. Im Frühjahr dieses Jahres war sie sogar beim Glyndebourne Festival zu sehen, vom Renommee her eine Art englisches Bayreuth. Da kam die Kritik.

Nicht an ihrem Gesang als Octavian im „Rosenkavalier“ – daran hatten die britischen Kritiker der Times, der Financial Times und des Daily Telegraph nichts auszusetzen. Es war Taras Figur: Sie sei „ein molliges Bündel aus Babyspeck“, „unansehnlich, unattraktiv“ und „eine optische Fehlbesetzung“.

Dieser Text ist Teil der SZ-Recherche zum Thema "Toleranz". Alle weiteren Texte zu dem Thema findest du hier auf SZ.de

Die Debatte „Dürfen Sänger dick sein?“ ist nicht neu. Schon in den Fünfzigerjahren nahm Maria Callas 30 Kilo ab. 2004 ließ sich die Opernsängerin Deborah Voigt den Magen verkleinern. Das Royal Opera House London hatte ihr die Rolle der „Ariadne auf Naxos“ entzogen – weil ihr das Kleid, auf das der Regisseur bestand, nicht passte. Mittlerweile sind offenbar beinahe Model-Maße gewünscht.

"Ein Bündel aus Babyspeck", schrieben Kritiker über Tara. Was macht das mit einem?

Wer fordert also plötzlich Size-Zero bei Sängern? Sind es Kritiker, Intendanten oder Publikum? Und was machen solche Schlankheitserwartungen mit den Künstlern und dem Opernmarkt von morgen?

Tara äußerte sich in der Öffentlichkeit zunächst gar nicht zu den Kritiken. Jetzt, knapp ein halbes Jahr später, sagt sie: „Ich wusste, dass so etwas passieren kann, ich wusste es in dem Moment, als ich mich für die Bühne entschied.“ Wenn sie über die Beleidigungen spricht, kommt der selbstbewusste Profi in ihr durch, der gelassen vom Schutzpanzer spricht, den man im Business haben muss. Wenn sie hingegen von ihrem Beruf erzählt, reißt sie ihre blauen Augen weit auf, lacht häufig und gestikuliert ungestüm mit den Händen. Da sieht man eine junge, quirlige Frau, die auf einer irischen Farm groß wurde und genug Talent und Ehrgeiz hatte, um zu einer international gefragten Opernsängerin zu werden: Mit zehn Jahren nimmt sie heimlich Gesangsunterricht. Ihre Eltern sollen es nicht merken. Mit 17 zieht sie von zu Hause aus und bei ihrer Gesangslehrerin in London ein. Wer von Anfang an kämpft, steckt auch ein paar Beschimpfungen weg. Der Weg von der Farm auf die Bühne war härter als ein paar dumme Worte.

Dass die Oper ansonsten aber gerade für junge Leute ein hartes Metier ist, betont auch Balázs Kovalik. Er ist an der Münchner Musikhochschule Leiter im Studienfach Operngesang und wählt den Sängernachwuchs bei der Aufnahmeprüfung aus: „Wir bilden unsere Studenten für die Opernhäuser aus und müssen dementsprechend darauf achten, wie wir sie verkaufen können. Da rechnen wir schon damit, dass viele Intendanten und Regisseure optische Klischeeerwartungen mitbringen.“ Klischeeerwartungen von der schlanken, dunkelhaarigen Carmen etwa? Und von der blonden und natürlich auch schlanken Protagonistin der „Entführung aus dem Serail“? Kovalik nickt und sagt dann: „Einer Sängerin, die nicht dieses Klischee anspricht, müssen wir in der Ausbildung klar machen, dass sie an solche Rollen viel schwieriger rankommen wird.“

Seit knapp 15 Jahren werden die Opernsänger, die Hauptrollen spielen, immer dünner. Das beobachtet Johannes Schatz, Leiter des Deutschlandablegers von „Art but Fair“. Der Verein setzt sich für gute Gagen und Arbeitsbedingungen ein. Agenten würden ihm immer wieder bestätigen, dass beleibte Künstler nicht mehr engagiert werden. „Erst letztens gab es eine Ausschreibung, auf die sich keine Dicken bewerben sollten.“ Nach Meinung von Schatz sind die Intendanten und Regisseure dafür verantwortlich. Die hätten in den vergangenen Jahren bei Besetzungen verstärkt Schönheitsideale berücksichtigt. Oft zulasten der Stimme. Dem Publikum sei es egal, ob ein Pavarotti mit 170 Kilo auf der Bühne stünde oder ein Tenor mit 75 Kilo.

Balázs Kovalik von der Musikhochschule sieht das anders: „In unserer Gesellschaft ist es heute nun einmal Mode, schlank zu sein. Das ist der Geschmack des Publikums, den die Intendanten bedienen.“ Deswegen versuchen Nachwuchssängerinnen, es allen recht zu machen. Schon beim Vorsingen an der Musikhochschule sollen die Bewerber „geeignete Kleidung mitbringen“. So steht das auf der Homepage des Münchner Studiengangs. Viele junge Frauen spielen das Spiel mit und singen im eng anliegenden Abendkleid vor. „Fast alle Bewerberinnen bringen schon Modelmaße mit“, resümiert Kovalik.

Fast alle, die sich an Musikhochschulen bewerben, haben inzwischen Modelmaße

Nikolaus Bachler, Intendant der Münchner Staatsoper, will davon nichts wissen: „Natürlich würde ich beleibtere Sänger besetzen, wir sind doch nicht die Modebranche.“ Dass Sänger immer dünner werden, kann aber auch er nicht leugnen. Das liege seiner Auffassung nach an der modernen Inszenierungspraxis. „Der theatralische Aspekt ist in der Oper in den vergangenen 20 Jahren wichtiger geworden, und da gibt es bestimmte Besetzungskriterien.“ Opernsänger müssen demnach verstärkt rennen, springen und klettern können, während sie singen. Ein schlanker, durchtrainierter Körper tut sich da natürlich leichter.

Tara geht täglich joggen, um für ihre Rollen fit zu sein. Eine Diät wegen der Opernbühne habe sie aber nie gemacht. Zwar ist die verbreitete Annahme, ein Opernsänger brauche genügend Resonanzraum und damit Leibesfülle, um ordentlich zu klingen, ein Mythos. Aber abzunehmen kann für Stimme und Technik gefährlich sein. Wenn sich Brust- und Bauchmuskeln verändern, können Atemtechnik und Zwerchfellstütze manchmal nicht mehr wie gewohnt funktionieren. „Es macht mir wirklich Angst, wenn ich junge Sängerinnen sehe, die unter dem Druck im Business leiden“, sagt Tara. „Einige nehmen zu schnell zu viel ab und riskieren, dass ihre Stimme einen Schock erleidet und die Technik kaputt geht.“

An sich selbst und ihrem Körper zweifelt Tara nicht: „Du kannst als Sängerin nie alles haben. Aber was du neben einer guten Stimme und einer guten Technik brauchst, sind Selbstbewusstsein und Persönlichkeit. Andernfalls kannst du dich nicht souverän vor 2500 Menschen auf die Bühne stellen.“ Wie das angesichts von Kritiken wie nach dem Glyndebourne Festival geht? „Ich lese nie Kritiken. Und schon gar nicht, wenn ich auftrete.“

Text: katharina-haeringer - Illustration: Daniela Rudolf

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