Zu dunkel

Schwarze wurden in Opern lange nur als Bösewichte oder Wilde besetzt. Ändert sich das jetzt? Ein Interview mit dem Sänger Thomas Stimmel
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In der Oper geht es bei Besetzungen nicht nur um die Stimme. Natürlich spielen auch Äußerlichkeiten eine Rolle. Und dann kann es schwierig werden: Ist es Rassismus oder Regiekonzept, wenn ein Schwarzer eher den bösen Monostatos als den guten Tamino singt? Muss Madame Butterfly von einer Japanerin gespielt werden? Thomas Stimmel, 29, Nachwuchs-Opernsänger mit deutscher Mutter und afroamerikanischem Vater, hat seine Diplomarbeit zum Thema „Apartheid im klassischen Gesang“ geschrieben. Er hatte selbst schon Probleme wegen seiner Hautfarbe. Ein Gespräch über Stereotype.

Dieser Text ist Teil der SZ-Recherche zum Thema "Toleranz". Alle weiteren Texte zu dem Thema findest du hier auf SZ.de

Thomas, hast du wegen deiner Hautfarbe schon mal einen Job nicht bekommen?
Thomas Stimmel: Während meines Studiums war ich mal in einem Stechen für eine Partie und der Regisseur sagte: „Die Stimme ist gut, aber optisch passt du nicht in mein Konzept.“ Klar, in so einem Vorsingen spielen viele Variablen eine Rolle, es kann auch an meiner Nase oder an den Schuhen gelegen haben. Keiner würde offen sagen: „Wir nehmen dich nicht, weil du nicht weiß bist.“ Aber ich glaube, dass es in dieser Situation an meiner Hautfarbe lag.

Ist das ein gängiges Problem?
Mein Professor für Schauspiel in Berlin hat mir mal gesagt: „Als Schwarzer musst du immer besser sein als die anderen.“ Das kann ich bestätigen und es gibt einige etablierte Sänger, bei denen die Hautfarbe eine Rolle in ihrem Job spielte: Simon Estes, ein sehr bekannter Bassbariton, der unter anderem in Bayreuth den Holländer gesungen hat, wurde beispielsweise zuerst fast immer als „rohes, wildes Tier“ inszeniert. Das hat ihm sehr wehgetan.

Der schwarze Mann als Urmann?
Ja. Bis vor einigen Jahren war es noch so, dass das Opernpublikum keine weiße Frau mit einem schwarzen Liebhaber auf der Bühne sehen wollte, weil der schwarze Mann als übersexualisiert, tierisch und triebhaft galt. Aber ein weißer Spielpartner mit einer schwarzen Frau hat einen „exotischen Touch“. Stereotype, die schwarzen Frauen zugerechnet werden – etwa dass sie lasziv, offen oder leidenschaftlich sind –, waren für das Publikum nie ein Problem. Dasselbe Phänomen gibt es nach wie vor im Film.

Man bekam als dunkelhäutiger Sänger also keine Liebhaber-Rollen?
US-amerikanische Studien aus den Neunzigerjahren, die ich für meine Diplomarbeit verwendet habe, belegen, dass schwarze Tenöre gezielt für Konzert- und Liedgesang ausgebildet wurden. Nicht für die Opernbühne. Der Tenor ist in der Oper meist der Liebhaber, aber ein Schwarzer hatte keine Chance, besetzt zu werden. Zumindest, wenn die Spielpartnerin nicht auch schwarz war.

Ändert sich das?
Ja, seit ein paar Jahren gibt es sehr erfolgreiche schwarze Tenöre. Die konservative Generation wird langsam durch eine neuere ersetzt.

Und das Publikum wird auch offener?
Ich glaube, das Publikum ist mittlerweile der offenste Part. Das Problem sind eher Intendanten und Regisseure, die für die Besetzungen und Produktionen verantwortlich sind. Die sind von einem bestimmten europäischen Sängeridealbild geprägt.

"Wir können nicht mehr so viele Asiaten besetzen, weil alle gleich ausschauen."

Es gibt ja in den traditionellen Opern oft explizit „schwarze“ Rollen – meist sind das die Bösen, die Exoten, die Außenseiter. Wird man als Dunkelhäutiger zu oft auf diese Rollen festgelegt?
Manchmal, ja. In der „Zauberflöte“ gibt es die Rolle des Monostatos, das ist der böse Mohr und Diener. Ein Sängerkollege von mir, der aus Sri Lanka stammt, schwarz ist und dessen Traumrolle Tamino wäre, hat bei einem Vorsingen gehört: „Du wirst mit deinem Aussehen eher Monostatos singen und nicht Tamino.“ Das wurde natürlich dann auch noch mit seiner Stimmfarbe begründet, aber die Aussage ist schon hart für einen jungen Sänger. In der Oper „Peters Bryllup“ von Johann Abraham Peter Schulz hat er kurz danach die Partie des Mohren Martin gesungen und wurde bestimmt nicht nur wegen seiner Stimme besetzt.

Hast du manchmal auch Vorteile durch dein Äußeres?
Das ist zweischneidig. Klar kann es ein Vorteil sein, weil man unter Umständen interessanter ist und natürlich aus der Menge hervorsticht. Es kommt auf so viel an, auf den Regisseur, auf das Konzept, auf den musikalischen Geschmack. Aber es sollte ja um weit mehr gehen als um Optik – nämlich um Emotionen, Ausdruck und musikalische Qualität auf der Bühne. Und eigentlich sollte da egal sein, wie man aussieht.

Ist die Fixierung auf Äußerlichkeiten auch an der Hochschule ein Thema?
Definitiv. Wenn dort jemand vorsingt, der nicht den gängigen Schönheitsidealen entspricht, wird gesagt: „An einem Opernhaus wird der- oder diejenige es schwer haben.“

Hattest du viele Kommilitonen aus dem Ausland?
An der Hochschule in München hatte ich sehr viele Kollegen aus dem asiatischen und slawischen Raum. In Berlin gab es außerdem viele Studenten aus Skandinavien, Indien und dem arabischen Raum. In Asien wird viel Wert darauf gelegt, einen Teil der Ausbildung, quasi den letzten Feinschliff, in Europa zu absolvieren. Hier ist die Wiege der Oper und der klassischen Musik und die Arbeitsbedingungen sind in Deutschland noch verhältnismäßig gut. Aber viele sehr qualifizierte asiatische Sänger haben mittlerweile mit ähnlichen Vorurteilen zu kämpfen wie schwarze Sänger.

Wieso?
An vielen Opernhäusern wird gesagt: „Wir können nicht mehr so viele Asiaten besetzen, weil die alle gleich ausschauen.“ Oder einfacher gesagt: Eine Sophie oder Annina im „Rosenkavalier“ sollte eben auch europäisch aussehen.

"Du wirst mit deinem Aussehen eher Monostatos singen und nicht Tamino."

Ich habe mal „Madame Butterfly“ in einer sehr traditionellen Inszenierung gesehen. Die Hauptrolle wurde von einer Russin gesungen – die aber als Japanerin geschminkt war. Man hatte ihr "Schlitzaugen" geschminkt. Das fand ich irritierend.
Im Libretto ist die Figur der Madame Butterfly eine Japanerin, die Oper spielt in Japan. Meiner Meinung nach könnte man das im Regietheater aber auch anders lösen, als Schlitzaugen zu schminken. Klischees sollten im 21. Jahrhundert auf der Opernbühne keine Rolle mehr spielen. Muss denn jede Japanerin wie eine Japanerin aussehen?

Hat sich dein Umgang mit dem Thema Hautfarbe verändert?
Ja. Es gab die Verleugnungsphase, in der ich so getan habe, als ob ich nicht sehen würde, dass ich anders aussehe. Im Nachhinein ist das natürlich Unsinn. Dann gab es die Phase, in der ich mich echauffiert habe über Kommentare zu meiner Hautfarbe. Und jetzt bin ich auf dem Stand, dass mich mein Umfeld, sei es privat oder beruflich, so akzeptieren muss wie ich bin – schließlich kann ich es nicht ändern und möchte das auch nicht.

Du kämpfst aber weiter dafür, dass sich an der Kultur etwas ändert.
Das versuche ich. Besonders als Künstler darf man doch das Thema Diskriminierung und Rassismus nicht totschweigen. Wir müssen offen damit umgehen. Die Kultur sollte Denkanstöße geben und die Menschen anregen, über den Tellerrand hinauszusehen.

Du planst da ja auch ein Projekt zum Thema . . .
Ja, es ist noch sehr inoffiziell, aber ich plane eine CD mit schwarzen Komponisten, die zu der gleichen Zeit wie zum Beispiel Mozart, Schubert, Mahler, Brahms und so weiter tolle Werke geschaffen haben, die aber niemand kennt. Es geht mir darum, nicht das Alte immer wieder aufzuwärmen, sondern andere, neue Aspekte aufzuzeigen.

Text: nadja-schlueter - Illustration: Daniela Rudolf

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