Jetzt in Sansibar (2): Massai von Beruf

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Wenn mal jemand ein Lexikon herausbringen will, das zum Beispiel „Lexikon des gebrochenen Klischees“ heißt, und plant, darin den Begriff „Moderne“ zu bebildern, dann würde sich dafür ein Foto von Paulo Ole Msumba anbieten. Auf dem Foto wäre zu sehen, dass Paulo seine Herkunft immer mit sich herum trägt. Er trägt drei bis vier rot-gemusterte Tücher am Leib, ein Holzschwert am Gürtel sowie Sandalen an den Füßen, die schon viel erlebt haben dürften, weil sie in einem früheren Leben einmal Autoreifen waren. Man kann in jedem Tansania-Bildband nachschlagen: Das ist Maasai-Style. Außerdem wäre auf dem Foto das Handy an Paulos Gürtel zu sehen und vielleicht seine zwei Faust große Biker-Sonnenbrille. Nichts, worüber sich irgendjemand in Sansibar wundern würde. Aber wenn man aus Europa kommt, wo Filme wie „Die weiße Massai“ erfolgreich im Kino laufen und die Maasai immer herhalten müssen, wenn ein exotisches Bild von Afrika gezeichnet werden soll, dann hat das einen Augenbrauenhochzieheffekt, wie eine Heuschrecke mit SPD-Parteibuch zum Beispiel oder ein homosexueller Fußballer. Am Tag, an dem ich Paulo zum ersten Mal traf, lag er faul in den Forodhani Gardens unter einem Baum, weil die Sonne so heiß brannte, dass sich nicht einmal viele Touristen zu einem Souvenir-Bummel aufraffen konnten. Er lud mich unter seinen Baum ein, und ich legte mich faul dazu. Das Schöne an der Feldforschung ist, dass man solche Momente als Arbeit deklarieren kann. Ich komme auf die Art locker auf eine 100-Stunden-Woche.

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Illustration: Julia Schubert

Paolo und andere Maasai unter einem Baum „Was tust du hier?“, fragte ich Paulo. Und Paulo sagte: „Business.“ Man könnte sagen, dass Paulo Massai von Beruf und derzeit als Schmuckhändler im Außendienst tätig ist. Paulo ist in Sansibar, um die aus Plastikperlen bestehenden Ketten und Armbändern zu verkaufen, die seine Mutter und seine Schwester zu Hause herstellen. Seit Jahrhunderten gibt es in Sansibar Menschen aus aller Welt, unter anderem, weil das Archipel günstig für Handel im Indischen Ozean liegt. Man kann das in vielen Büchern nachlesen. Von den Maasai ist in keinem die Rede. Sie kommen erst seit ein paar Jahren, seit viele Touristen in Sansibar Urlaub machen. In Sansibar ist Paulo aber fremd im eigenen Land, und einige derjenigen Sansibaris, die ihre lang gewachsenen Kleidungsnormen gegen immer noch mehr Außeneinflüsse schützen wollen, sagen über die Maasai, sie könnten wenigstens Hosen anziehen. Aber die Kleidung in Sansibar ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll. Das Geschäft gehe hier besser als zu Hause im Norden Tansanias, sagt Paulo. Touristen gebe es dort, das sei nicht das Problem. Es gibt den Kilimanjaro in der Nähe und die Serengeti und den Ngorongoro-Krater und viele Reiseagenturen, die auch Touren in Maasai-Dörfer anbieten. Aber, sagt Paulo, dort gebe es einfach zu viele Maasai, die ebenfalls in der Tourismusbranche tätig seien. Zu viel Konkurrenz. Deshalb kommt er erst per Bus, dann per Schiff nach Sansibar, jedes Jahr für drei bis sechs Monate. Aber dieses Mal bleibt er für ein ganzes Jahr, weil er auch noch eine Businessschule besucht. Paulo hat rot-schwarze Tücher im Sortiment, Autoreifensandalen und Halsschmuck für Frauen, und die Exotik, die er auf europäische und US-amerikanische Touristen ausstrahlt, ist sein bestes Verkaufsargument. Es gibt auch neue Designs, etwa Ketten in Rastafarben und kleine Schlüsselanhänger in Giraffenform. Dinge, über die man reden könnte, weil wenig von dem an ihnen ist, was den Maasai zugeschrieben wird: Ursprünglichkeit und Traditionsbewusstsein zum Beispiel. Maasaischmuck in Rastafarben? Den habe er letztes Jahr ins Sortiment genommen, sagt Paulo. Das trägt man jetzt so. Allerdings will Paulo nicht nur über seine Waren reden. Manchmal treffe ich Paulo im Internetcafé, wir benutzen dasselbe; und es kann passieren, dass er mich dort anstupst und mich zu "real estate holdings" befragt. Wenn Kunden an seinen Stand kommen, die sich ein wenig Zeit lassen, benutzt er sie auch als Meinungsbarometer und redet mit ihnen über aktuelle globale Entwicklungen. Derzeit beschäftigt er sich viel mit der Atompolitik des Iran. „Ich liebe Fernsehen“, sagt er, „ich sehe fern, so viel ich kann, weil ich wissen will, was in der Welt passiert. Ich würde gerne auch zu Hause im Dorf fernsehen, aber dafür brauchen wir Strom. Wir haben aber keinen Strom, es gibt ja keine Stadt in der Steppe, und eine Stromanlage ist teuer, die hat fast niemand.“ Paulos anderes Lieblingsthema neben der Welt ist sein Dorf, und er schaltet zwischen beiden Themen hin und her wie zwischen Fernsehkanälen. Paulo sagt, dass er eigentlich zwei Tagesreisen entfernt in seinem Dorf sein sollte, weil er sich dort alle vier Stunden unter eine Kuh hängen könne. Man muss sich vorstellen, wie er, wenn er das sagt, dieselben Gluck-gluck-Geräusche macht wie Abiturienten in Deutschland, wenn sie vom Besäufnis nach der letzten Prüfung träumen. In Paulo passen morgens zwei Liter Milch, mittags eineinhalb, nachmittags zwei und abends so viel nur reingeht. Das ist der Ablauf eines perfekten Tages, wie Paulo ihn darstellt, weil er gerne mit den Klischees spielt, die über die Maasai bestehen. Sansibar könne ihm diesen Tag nicht bieten. Er komme halt wegen des Business, sagt er. Was er mit dem Geld mache, das er verdient? Paulo sagt: „Zu Hause kann ich nicht fernsehen, und mein Handy liegt nur in der Ecke. Aber ich liebe mein Dorf. Also werde ich Kühe kaufen.“ Wegen der Milch. Sollte er mal reich werden, will er allerdings Solarzellen anschaffen. Für diesen Wunsch nimmt er das Heimweh in Kauf und holt sich zum Trost gelegentlich ein Eis. Milcheis, sagt er.

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