Jetzt in Sansibar (3): Made in Zanzibar

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Diese Geschichte handelt davon, dass etwas, das von weit herkommt, manchmal erst ganz in der Nähe zu dem wird, was es ist. Davon, dass etwas von außerhalb – ein Second-Hand-T-Shirt, zum Beispiel, oder Hiphop – etwas Eigenes repräsentieren kann. Die Geschichte spielt in der Salama Hall des Bwawani-Hotels in Sansibar-Stone Town. Zwei junge Rapper – sie nennen sich Swahili Arts Group – bekommen an diesem Abend bei den Zanzibar Music Awards einen Preis dafür, dass sie die beste sansibarische Nachwuchsgruppe sind. Die beiden Rapper heißen Rashid und Hafidh. Zenj Flava heißt ihre Musik, und Zenj Flava ist die sansibarische Version von Bongo Flava. Bongo Flava wiederum ist die tansanische Version von Hiphop.

Default Bild

„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Rashid a.k.a. Rico (links) und Mohammed a.k.a Ed von der Swahili Arts Group Wenn man Rashid besuchen will, muss man ins Vikokotoni-Einkaufszentrum gehen und nach Hiphop lauschen. Neben seinem Radio sitzt Rashid tagein, tagaus im Laden seiner Schwester auf einem Barhocker, stellt abwechselnd einen der drei sansibarischen Sender ein, die Musik aus aller Welt ausstrahlen, und verkauft Frauenkleidung, die von überall herkommt, nur nicht aus Sansibar. Heute wird fast jede Art von Kleidung außerhalb Sansibars hergestellt, auch die, von der man auf den Inseln sagt, sie sei die typisch sansibarische; die traditionellen langen Kanzus für Männer zum Beispiel und die schwarzen Buibuis, Obergewänder, die sich Frauen überziehen, wenn sie aus dem Haus gehen. Rashid verkauft Kleider und Kopftücher aus Indien und Dubai, Kindersachen aus China und Thailand, Accessoires aus Indien und Handtaschen aus Dubai. Er selbst trägt gerne T-Shirts. Und auch die kommen von weit her. Aber hergestellt werden sie in seiner Nachbarschaft. Sein Freund Mohammed, den alle nur Ed nennen, geht oft zum Markt für Mitumba – alles, was Second Hand ist – und kauft gebrauchte Hemden von US-amerikanischen Firmen, die in El Salvador oder Mexiko produziert wurden, von kanadischen, englischen oder deutschen Firmen. Entlang der Nähte zerlegt er sie in ihre Einzelteile. Ed benutzt das Vorderstück und das Hinterstück und vernäht sie mit den Ärmeln anderer T-Shirts. Auf die Schultern vieler T-Shirts näht er einen, zwei oder drei Streifen, das ist sein Markenzeichen. Ed kauft zum Beispiel sieben T-Shirts in verschiedenen Farben, und daraus macht er fünf neue. Auf einem seiner T-Shirts steht "NIKE". Es war früher ein einfarbiges, US-amerikanisches original Marken-T-Shirt, hergestellt in El Salvador, wo die Produktion billig ist. Die weitere Biographie des T-Shirts dürfte ungefähr so verlaufen sein: Es wurde irgendwo auf der Welt getragen, in einen Altkleidercontainer geworfen, ging von einem Altkleiderhändler zum nächsten, wurde in einem großen Paket auf einen Lastwagen gelegt, am nächsten Hafen verschifft, landete in Sansibar, wurde von Ed gekauft, und jetzt ist es ein dreifarbiges, sansibarisches original Ed-T-Shirt.

Default Bild

„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Und damit zurück in die Salama Hall des Bwawani-Hotels zu den Music Awards. Rashid und Hafidh singen an diesem Abend ihren Song "Fadhila za Punda", was übersetzt etwa "Die Tugendhaftigkeit eines Esels" bedeutet. Darin geht es darum, dass einem armen Mann vom Land die Frau, die er liebt, weggelaufen ist. Ein reicher Typ ist gekommen, mit großem Auto und schickem neuem T-Shirt mit "Brazil"-Aufdruck. Er hat sie in den Supermarkt in der Stadt mitgenommen, ihr teures Essen und neue westliche Kleidung gekauft, und da konnte sie wohl nicht anders. Der arme Mann lebt immer noch auf dem Land, trägt ein schmutziges altes Second-Hand-T-Shirt, weil er sich ein neues nicht leisten kann, und sucht Trost bei seinen Freunden. "Ich Esel", singt Hafidh im Refrain, "ich hatte geglaubt, dass sie mich auch liebt." Rashid hat in dem Song den Part seines besten Freundes. Er singt: "Ich versuche ja auch nicht, einen Papayabaum mit Gummisohlen zu erklimmen." Das soll bedeuten: Du bist arm, kapier’ es, da kannst du halt nicht jede haben. DJ Side von Radio Zenj FM, das die Awards ausrichtet, sagt: "Natürlich ist HipHop nicht in Sansibar erfunden worden. Aber so etwas kann man nicht singen, wenn man aus New York kommt. Das ist ein sansibarischer Song." Und genau deshalb, sagt DJ Side, seien Rashid und Hafidh die Preisträger. Ihre Musik ist, wie Eds T-Shirts, um die ganze Welt gegangen, aber zu Hause ist sie nur in Sansibar. Man kann vielleicht sagen, dass nichts ihre Musik besser im Bild fortsetzt, als Eds Kleidung. Er hat für die Preisverleihung besondere T-Shirts für Rashid und Hafidh angefertigt. "Swahili Arts" steht darauf, der Name ihrer Gruppe, und auf die Schultern hat Ed einen grünen, einen weißen und einen gelben Streifen genäht. "Die Farben von Sansibar“, sagt Rashid. "Na ja, zumindest fast." Und er sagt auch: "Das T-Shirt steht für uns, für die Swahili Arts Group aus Sansibar." Auf dem Aufnäher im T-Shirt-Inneren steht: "Made in El Salvador".

  • teilen
  • schließen