Jetzt in Sansibar (4): Berlin, Amerika

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Ich werde hier oft gebeten, Sansibar und Deutschland zu vergleichen, wobei von Klima bis Nahrungsaufnahme jeder Vergleich zufrieden stellend ist, auf den ich gerade Lust habe. Ich übe dann oft den Joschka-Fischer-Blick mit zusammengekniffenen Augen, der zu einer Hundertschaft an Falten vergewaltigten Stirn und dem zu einem kleinen "o" geformten Mund. Mir ist aufgefallen, dass Angela Merkel schon fast exakt genauso blöd guckt, seit sie Kanzlerin ist. Ich finde es verbreitenswert, wie unsere Politiker in die Kameras gucken. Viele Sansibaris finden das ebenfalls sehr interessant, denn ihre Politiker betonen ihre Intelligenz eher, indem sie den Kopf etwas schräg legen und mit dem Zeigefinger unermüdlich wie ein Duracellhase in der Gegend herumwedeln. Solche Unterschiede aufzuzeigen, ist eine Möglichkeit, deutsche Kultur in der Welt zu verbreiten.

Default Bild

„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Tele in Sansibar Eine andere Möglichkeit konnte man letzten Dienstag erleben. Wer zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, konnte ungefähr 200 sansibarische Jugendliche beobachten, wie sie - unter Wolken verhangenem Himmel - lauthals ein paar Textzeilen der Freiburger und Berliner Band Tele singen. Oder zumindest etwas, das dem Text lautmalerisch nahe kommt: „Es gibt keinen Weg raus hier“, lauten die Zeilen, „Nur einmal im Kreis wie im Laufstall. / Ich geh’ dagegen wie Tauzieh’n. / Und ich seh’ zu, dass es aufhört.“ Was passiert ist? Hat die Zeitschrift "Spex" eine Kiswahiliausgabe auf den Markt gebracht, und der DJ untermalt mit blumig kodiertem Befindlichkeitspop die Party zur ersten Ausgabe? Nein, es sind Tele selbst, mit Gitarren, Poloshirts, Retroturnschuhen von Adidas und einem Kulturauftrag im Gepäck. Sänger Francesco Wilking singt vor, und die Leute im Publikum singen nach. Tele geben in Sansibar ein Konzert. Solche Konzerte sind eine Möglichkeit des Goethe-Instituts, deutsche Kultur in der Welt zu verbreiten. Es hat die Gruppe zu einer Tournee durch das südliche Afrika eingeladen, und Sansibar ist eine von acht Stationen. „Wir haben gehört“, sagt Tobias Rodäbel, einer der Gitarristen, „dass jemand vom Goethe-Institut auf unsere Webseite gegangen ist und die Texte mochte, und daraufhin haben die bei uns angefragt. Da haben wir natürlich zugesagt.“ Erst waren Tele mit dem Institut in Warschau, nun in sechs afrikanischen Ländern. Sie sind als Botschafter der deutschen Sprache und Kultur unterwegs, auch wenn sie es selber nicht so formulieren wollen. „Ich betrachte mich nicht als jemand, der irgendetwas Deutsches verbreitet“, sagt Rodäbel. „Aber wir haben letztes Jahr in Deutschland, Österreich und der Schweiz 70 Konzerte gespielt. Und irgendwann kennst du jedes Autobahndreieck. Das Goethe-Institut ist vielleicht die einzige Möglichkeit für eine deutschsprachige Band, mal rauszukommen.“ Francesco Wilking sagt: „Wir betrachten das hier vor allem als Chance, mit lokalen Musikern zusammenzuarbeiten und unsere neuen Songs auszuprobieren.“

Default Bild

„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Francesco Wilking singt vor, das Publikum singt nach Man muss dazu sagen, dass es auch nicht wirklich Tele sind, die den Livingstone-Club, eine Touristenbar am Stadtstrand, bis zum Platzen mit sansibarischen Jugendlichen gefüllt haben, sondern die lokalen Musiker, die vor ihnen auftreten. Afande Sele ist da und Afande Sele ist der König der Reime. So darf er sich nennen, seit er in Tansania einen Wettbewerb der bekanntesten Rapper gewonnen hat. Seine Freunde rufen ihn seither den Don, und am Nachmittag sitzt der Don im Studio von Radio Coconut FM und freestylt eine Ankündigung für das Konzert ins Mikrofon. Yo, rappt Afande Sele, hier spreche der König der Reime, und am Abend trete er auf, und das umsonst, wo habe es so etwas schon einmal gegeben. Die Band Tele aus Deutschland sei auch da beim Konzert, und das werde eine große Schau, das Ganze. Und so beginnt die Geschichte dieses Abends. Als Afande Sele auftritt, ist nicht nur der Club voll mit Leuten, sondern auch der ganze Strand. Danach kommen Tele mit ihrem Funk-Rock-Modern-Soul-Synthie-Mischmasch, und sie schlagen sich tapfer. Das Publikum reduziert sich deutlich während ihres Konzerts, aber Tele haben auch die englische Nationalmannschaft als Konkurrenz. Aber die, die bleiben, werden hinterher sagen, dass es toll gewesen sei, und klatschen und johlen. „Sehr gute Band“, sagt zum Beispiel Abui, der zu Teles Musik mit derselben Energie tanzt, mit der sansibarische Politiker mit dem Zeigefinger wedeln. Dann fragt er: „Sind die berühmt bei euch in Amerika?“ Das Konzert ist wie ein guter, einprägsamer Werbespot, der den Fehler hat, dass der Name des beworbenen Produkts, in diesem Fall Deutschland, nicht haften bleibt. „Unsere musikalischen Einflüsse“, sagt Francesco Wilking, „die sind sicher nicht besonders deutsch. Die Texte, nun ja, die natürlich schon. Aber nach den bisherigen Konzerten hier habe ich vor allem den Eindruck, dass es gerade nicht darauf ankommt, woher die Musiker kommen, sondern dass Musik unabhängig von Sprache und Herkunft funktioniert.“ Und vielleicht kann man das einfach so stehen lassen.

Default Bild

„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Tobias Rodäbel in der Dhow Countries Music Academy Am Nachmittag vor dem Konzert sind Tele übrigens in der "Dhow Countries Music Academy" gewesen und haben mit sansibarischen Musikern improvisiert. Die Sansibaris haben das Lied „La Paloma“ gespielt, in einer von zairischer Musik inspirierten, textlosen Version. „Woher kommt das Lied?“, habe ich einen Zuhörer gefragt. Für mich ist „La Paloma“ sehr deutsch. Er aber hat „Oh“ gesagt und dabei ein wenig mit dem Zeigefinger gewedelt: „Aus Zaire. Aber diese Art von Musik spielen wir schon lange in Tansania.“ Ich habe mein Joschka-Fischer-Gesicht aufgesetzt und wissend genickt - der Verbreitung deutscher Kultur wegen. Fotos: Klaus Raab

  • teilen
  • schließen