Jetzt in Sansibar (5): „Die Disko ist nicht Maulidi“

Sansibar liegt vor der Ostküste Afrikas und ist ein autonomer Teil von Tansania. Hier wurde Freddy Mercury geboren, Oliver Pocher ist Teamchef der sansibarischen Fußball-Nationalmannschaft und in den letzten Jahren hat sich Sansibar zu einem beliebten Ziel für Aussteiger und Abenteurer entwickelt. Ansonsten weiß man wenig von Sansibar. jetzt.de-Autor klaus-raab ist Autor des Buchs Rapping The Nation über Hiphop in Tansania. Seit einigen Monaten erforscht er die Jugendkultur Sansibars, über die er in der Kolumne jetztInSansibar regelmäßig berichten wird.
klaus-raab

Als ich einmal in einer sansibarischen Diskothek war, übertrug ich die zum Verkauf stehenden Alkoholika vom Regal hinter der Theke in mein Notizbuch. Alkohol und Islam, aus dieser Kombination könne man vielleicht etwas machen, dachte ich. Ich biete hier gerne eine Liste an, die allerdings nur noch historischen Wert hat, weil die besagte Diskothek mittlerweile schließen musste: Safari Beer, Heineken (Dose und Flasche), Kilimanjaro Beer, Redd’s (Dose), Konyagi, Grappa, Jameson, Vat 69, Teacher’s, London Gin Dry, Malibu, Captain Morgan, Campari, Bols, Camino, Pimm’s, Castle Beer (Dose), Amaretto, Martini (weiß, rot, rouge), Grant’s, Bacardi, Havana Club, Southern Comfort, Tequila, Blue Curacao, Smirnoff. Anschließend schaute ich mich ein wenig um und sah ein paar junge Frauen in engen Hosen und mit Ausschnitten am Rücken, die fast bis Kapstadt reichten, hüfteng im Tanz mit Männern. Und dann fragte ich einen jungen Mann, der seine Dreadlocks unter seiner Schildmütze versteckte und eine Bierdose in der Hand hatte, was für Leute hier so herkämen. Er sagte: „Yo man, heute gibt’s zu viele Masheti hier, keine Mizigo.“ Masheti sind T-Shirts, also Männer, und Mizigo sind Taschen, also Frauen. „Yo man“ ist Kiswahili für „yo man“.

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Illustration: Julia Schubert

Disko-Outfit Danach unterhielt ich mich ein wenig mit meinem Notizbuch und übersetzte die Geschehnisse der Nacht ins Katholische. „In Sansibar ist man wohl auch nicht päpstlicher als der Papst“, sagte ich zu ihm. Mein Notizbuch ist schwarz und hat rote Ecken. Die Plastikfolie, die auf den roten Ecken klebt, löst sich nach einiger Zeit ab, aber die Bindung ist so haltbar wie eine deutsche Schubkarre, und das ist wohl prinzipiell wichtiger als Äußerlichkeiten. Mein Notizbuch kombiniert verschiedene Dinge miteinander, die ich einmal zu ihm gesagt habe, und kommt zu Schlüssen, die ich alleine niemals ziehen könnte. Es antwortete: „Da werden dir einige aber widersprechen, mein Bester. Du darfst das nicht so eng sehen. Überall, wo es Normen gibt, gibt es auch Leute, die sie brechen. Die jungen Leute in Sansibar sind nicht nur Muslime, sie sind zum Beispiel auch junge Leute. Zudem sind nicht alle Muslime gleich religiös. Und vergiss nicht, dass du in Sansibar bist. Sansibar bedeutet, dass verallgemeinernde Schlüsse von vornherein verboten sind. Man weiß hier doch heute nie, ob man an einen Katholiken mit goanischen Großeltern, einen anglikanischen Radiomoderator aus dem tansanischen Festland, einen Muslim mit omanischen Vorfahren oder einen südafrikanischen Touristen gerät.“ Das leuchtete mir ein. Den einen oder anderen Sansibari wollte ich aber doch noch zur Thematik befragen, und Saleh und Abdullah saßen gerade so herum. Saleh ist Anfang 20 und ich hatte ihn einmal in der Diskothek gesehen. Jetzt trug er einen Kanzu, ein langes weißes Gewand, das die Körperumrisse verbirgt und in Sansibar in so gut wie jedem männlichen Kleiderschrank hängt. Abdullah ist fast 50 und trägt meistens Kanzu. Meine Frage lautete: „Warum darf man in der Disko Dinge tun, die sonst wenig angebracht sind?“ Abdullah antwortete: „Es gibt drei Gründe, in die Disko zu gehen. Alkohol, Liebschaften und Tanzen. Die meisten gehen aber nur tanzen, denke ich.“ Abdullah erzählt von sich, er sei auch einmal jung gewesen, und er sagt, solange man in der Disko nichts Anderes tue als tanzen, dürfe man – ich übersetze das wieder ins Katholische – den lieben Gott vielleicht auch einmal einen guten Mann sein lassen. Saleh antwortete: „Weil die Disko nicht Maulidi ist.“

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Illustration: Julia Schubert

Klaus Raab beim Maulidi Maalim Seif in der Salama Hall Jedes Jahr im Geburtsmonat des Propheten Mohammed finden Maulidi-Rezitationen statt, wichtige religiöse Veranstaltungen. Darin wird von der Geburt des Propheten erzählt. „Bei Maulidi“, sagte Saleh, „wirst du sehen, dass alle Männer einen Kanzu tragen, wenn sie nicht unangenehm auffallen wollen. In der Disko kann man tragen, was man will. Nur keinen Kanzu. Das gehört sich nicht, der Kanzu ist etwas Religiöses. Es kommt eben auf die Umgebung an.“ Ich hatte bereits einige Maulidi-Rezitationen besucht und fasste nach dem Gespräch in meinem Notizbuch Disko und Maulidi vergleichend zusammen: Kleidung: Disko – T-Shirts, Jeans, Basketballtrikots, Schildmützen für Männer; enge Hosen für Frauen, Tops, keine Kopfbedeckung. Maulidi – Kanzu für Männer. Lange Kleider, Obergewänder und Kopftücher für Frauen, aber das weiß ich eigentlich gar nicht, da: siehe Geschlechtertrennung. Geschlechtertrennung: Maulidi – eingehalten. Diskothek – eingehalten, aber nur in den Toilettenräumen. Musik: Disko – Hiphop und R’n’B aus Tansania und den USA, Reggae, Latino-Pop, türkischer Pop. Maulidi – Qasida, das ist poetische akustische Musik. Geruch: Disko:Rauchverbot in Bwawani-Diskothek; dichter Qualm im Flur vor dem Eingang. Maulidi – Weihrauch, Parfüm, Rosenwasser. Sprachgebrauch: Disko – Kiswahili-Jugendsprache. Maulidi – Arabisch. Atmosphäre: Disko – Disko halt. Maulidi – sehr feierlich, sehr angenehm. Publikum: Maulidi – religiöse Frauen und Männer jeden Alters. Disko – nicht zwangsläufig unreligiöse Frauen und Männer, vor allem im Jugendalter. Überschneidungen zwischen Maulidi und Diskothek vorhanden. „Und was sagt uns das?“, fragte ich mein Notizbuch. „Nun“, sagte es, „Maulidi ist nicht die Disko. Es gibt, wie sogar du nun festgestellt haben dürftest, in vielerlei Hinsicht Unterschiede. Doch jene Leute, welche das Maulidi-Zeremoniell schätzen und befolgen, sehen sich durchaus auch in der Lage, an anderen Tagen den lieben Gott einen lieben Mann sein zu lassen. Man versäumt dies manchmal zu bemerken, wenn man über den Islam redet: dass auch gläubige Muslime nachtlebentechnisch fast schon schumimäßig Gas geben können.“ „Das ist aber nicht von dir“, sagte ich, ein wenig genervt davon, dass mein Notizbuch mit seinem neunmalklugen Gerede meistens auch noch Recht hat. „Nein“, sagte mein Notizbuch. „Ich habe mir erlaubt, die Aussagen von Abdullah und Saleh für dich verständlich zu interpretieren. Denn die kennen sich aus.“

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