Schwitzkasten New York

Zum Wochenende: Eine Kurzgeschichte von Fridolin Schley
fridolin-schley
Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Ich hatte schon immer eine Neigung zu engen heißen Räumen, in denen ich alles ausziehen kann ohne mich gleich strafbar zu machen. Als Kind habe ich zum Beispiel sehr viel gebadet. Meine Ex-Freundin meinte dazu, ich sei als Säugling in der ödipalen Phase stecken geblieben und sehnte mich zurück in den warmen feuchten Mutterleib. (Ansonsten war sie okay.) Seit ich in New York lebe, gehe ich ständig in die Sauna, selbst wenn draußen der Sex und die City bei dreißig Grad im Central Park liegen. New York ist ja der größte Fetisch der Welt, und wie jeder Fetisch will sie fortwährend gewollt werden, so hält sie sich am Leben, wenn auch nur bei flachem Atem. Mich erinnert sie immer an Wedekinds Lulu, der nur als Objekt der Begierde Macht zukommt. Und wie Lulus ist auch die Dominanz New Yorks von Anfang an auf ihr Ende ausgerichtet. Ein Fetisch zersetzt sich zwangsläufig selbst; dass seine Lust am Abgrund balanciert, macht seinen Reiz, seine dunkle Schönheit aus. Ich glaube, es ist diese paradoxe morbide Lebendigkeit, die mich hier am meisten fasziniert, das immerwährende Pulsieren am Rand zum Kollaps. Wie Lulu wird auch New York zu Grunde gehen. Vielleicht in zweihundert Jahren, wie Gesine Cresspahl schätzt, aber das erscheint mir eher optimistisch. Es ist die Stadt der Lichter, der Hoffnungen und Erwartungen, aber nichts davon existiert ohne die Übermacht seines Gegenteils, ohne Dunkelheit und Angst. Jedenfalls strengen mich die nie verstummenden Lockrufe der Stadt bisweilen ziemlich an. Wo immer alles möglich ist, ist es auch nicht weit zum Nichts. Wahrscheinlich gehe ich deshalb so oft in die Sauna. Dort schrumpft diese ewig funkelnde Monstranz auf zwei mal drei Meter zusammen, auf ein paar Holzbänke und einen Ofen. Es ist heiß. Man ist nackt. Man schwitzt. Das ist alles, mehr gibt es nicht zu erledigen. Kein Lesen, keine Musik, ja nicht einmal nachdenken ist mehr möglich, wenn man nur lang genug sitzen bleibt. Der Körper übernimmt. Mit Nichtstun vollbringt man hier schon sein Werk und ist hinterher so erschöpft und befriedigt wie nach getaner Arbeit. Ich habe zudem durchaus das Zeug zum Nudisten. Nicht, dass ich gerne vor anderen posiere; es hat eher etwas mit dem Loswerden zu tun. Ich werde einfach gerne Dinge los. Insgeheim nenne ich das meinen analen Trieb. Das Löschen von Nachrichten, das Wegwerfen von noch brauchbaren Gegenständen oder Büchern, das Zusammenstreichen meiner eigenen Texte; manchmal werfe ich sogar Kleingeld weg, weil es mich in meiner Hosentasche so nervös macht. Ein Saunagang ist voller analer Rituale. Das Ausziehen der Kleidung, die Kargheit des Raums, das Schwitzen, alles ist auf Entäußerung ausgelegt. Man wird sich selber los. Ich will nicht gleich von einer transzendenten Erfahrung sprechen, aber man kommt doch recht seltsam drauf, wenn man die empfohlene Maximalzeit mal ums Dreifache überschreitet. Vor einiger Zeit kam ich in der Sauna mit einem älteren Mann ins Gespräch. Er war klein und kahl und sprach das schöne, stets leicht überartikulierte Upper-Eastside-Amerikanisch aus den frühen Woody-Allen-Filmen. Nach meinem ersten Satz fragte er, ob ich Deutscher sei. Außer uns war niemand da. Ich weiß nicht mehr, warum ich ihm gleich von meiner Sauna-Sucht erzählte, vielleicht weil ich die üblichen Auskünfte darüber, was ich in New York mache und wo ich wohne, aus meinem Mund selbst nicht mehr hören kann. Das sei interessant, sagte er, denn bei ihm verhalte es sich geradezu umgekehrt. Ihn hätte seit jeher starkes Unbehagen in geschlossenen Räumen geplagt, und habe er mit dieser Einschränkung auch immer recht gut leben können, so sei sie in den letzten Jahren doch so vehement geworden, dass man ihm geraten habe, sich ihr gezielt zu stellen. „So this is basically therapy for me“, sagte er mit einem heiseren Auflachen und hob beide Hände vor die Brust, als wollte er etwas Flaches darauf balancieren. Erst da fiel mir auf, dass er tatsächlich weit vorne auf der Bankkante saß, mit etwas vorgeneigtem Oberkörper, als sei er im Begriff, jeden Augenblick aufzustehen. Ich erwiderte, dass ich als Kind Panik vor allen möglichen Dingen gehabt habe, vor allem vor Brücken, über die mit meinen Eltern im Auto zu fahren, jedes Mal zu hysterischen Szenen geführt hätte, und dass das Unheimliche daran doch sei, dass man selbst nie wisse, woher diese gänzlich unbegründeten Ängste kämen. Da schwieg er einen Moment lang, lächelte wieder und wog den Kopf ein wenig hin und her. „Well, you know ...“, sagte er schließlich und drehte seinen Unterarm zögerlich in meine Richtung, eine kaum merkliche Bewegung, gerade so weit, dass ich eine eintätowierte Nummernreihe darauf erkennen konnte. Ich werde nicht länger als eine Sekunde hingesehen haben. Auch kann ich sie, da ich inzwischen ohne Brille immer schlechter sehe, keinesfalls so deutlich wahrgenommen haben, wie ich es mir heute einbilde. Wahrscheinlich sah ich nicht mehr als ein sehr blasses, längliches Muster. Wie aber soll ich beschreiben, was ich empfand? Dass ich dasaß wie gelähmt? Dass mir inmitten der Hitze eine eiskalte Hand in den Nacken fasste? Sprachlosigkeit ist eine verstörende Erfahrung, wenn man sich eigentlich für eloquent hält. Seit Jahren beschäftige ich mich intensiv mit dem Dritten Reich, habe sehr viel dazu gelesen und eigene familienhistorische Recherchen betrieben. Ich promoviere über Holocaust-Literatur. Tatsächlich hatte ich mir wohl eine gewisse Souveränität 'dem Thema' gegenüber eingebildet. Doch die Wahrheit ist: Ich war vollkommen hilflos. Wie in einem geistigen Blitzgewitter stürzten haltlos viele Gedanken gleichzeitig durch meinen Kopf und zusammen ergaben sie eine ungeheure Leere. Ich wusste nicht, ob ich mich entschuldigen oder einfach darüber hinweggehen sollte; ob ich auf den Mann eingehen oder mich meinerseits rechtfertigen musste. Ich überlegte, ob ich ihm erzählen sollte, was meine Großväter im Krieg getan hatten. Tatsache ist, dass ich einfach nur schwieg. Ich vermochte ihn auch nicht mehr anzusehen, und für beides schämte ich mich noch mehr. Scham kann auch eine bequeme, ja selbstgefällige Haltung sein, und ich hoffe, dass sie in diesem Moment der Nummer auf seinem Arm galt, und dem, wofür sie steht, und nicht nur meiner eigenen Unannehmlichkeit. Aber sicher bin ich mir nicht. Verkrümmt und starr saß ich da, saß meine Minuten ab, als könnte ich damit irgendetwas beweisen. Als mir schwindlig wurde, stand ich auf, an der Tür drehte ich mich noch einmal um. „Äh, you know ...“, setzte ich an, ich weiß bis heute nicht, was ich sagen wollte, aber weiter kam ich auch nicht, denn sofort antwortete er, „Yeah, I know.“ Ich habe mir danach eine andere Sauna gesucht, das ist vielleicht das Schlimmste an allem. Ich wollte ihm auf keinen Fall noch einmal begegnen. So beschissen es auch klingt: Ich kann nicht sagen, warum ich diese Stadt so liebe. Aber sie weiß es. Sie weiß alles.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Fridolin Schley (33) ist Schriftsteller und lebt in München und New York. Zuletzt erschien von ihm der Erzählband "Wildes schönes Tier", der mit dem Tukan-Preis ausgezeichnet wurde.

Text: fridolin-schley - Bild: gschpaenli / photocase.com

  • teilen
  • schließen