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Auf's Geld pfeifen? - Der Selbstverwirklichungsticker

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Eine gute Freundin von mir hat mit 15 Jahren mal gesagt, dass sie sterben möchte, wenn sie Mitte zwanzig ist. Schließlich sei es besser, ein kurzes, schönes Leben gehabt zu haben, als ein langes unglückliches, bei dem es nur darum ging, irgendwie Geld zu verdienen. Mich hat dieser Satz sehr traurig gemacht. Ich konnte sie nicht verstehen.  

Auch der bereits verstorbene englische Religionsphilosoph Alan Watts propagierte, das Geld Geld sein zu lassen. Seinen Studenten, die ihn kurz vor ihrem Uni-Abschluss fragten, wie es nach dem Studium weitergehen sollte, pflegte er zu fragen: "Was, wenn Geld keine Rolle spielen würde?" Er rief dazu auf, sich nicht zu sehr aufs Geld zu konzentrieren: „If you say that getting money is the most important thing, you will spend your life completely wasting your time. You will do things you don’t like in order to get money in order to go on living.“ Deshalb sollte man seine Leidenschaft kennen und sie ausleben.  

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert



Seine Vorstellung klingt natürlich großartig. Einfach das zu tun, was man möchte, ohne sich darum zu kümmern, ob einen das auch finanziell überleben lässt. Arbeit ist in unserem Wertesystem ja längst nicht mehr nur die Tätigkeit, die uns das Bankkonto füllt. Arbeit ist Selbstverwirklichung - zumindest in der Idealvorstellung. In der Realität sieht es leider oft anders aus. Was einem Spaß macht, bringt nicht notwendigerweise genug Geld ein.

Alan Watts malte sich die Welt schön, ganz nach dem Pippi-Langstrumpf-Motto, „Ich mach, was mir gefällt“. Seine Worte wurden und werden immer wieder mit pathetischen Bildern unterlegt und begeistert auf Youtube geteilt.

Patricia Cammarata, die den Blog „das Nuf“ betreibt, hat sich darüber jetzt ziemlich aufgeregt. Sie widerspricht Watts' These, hält es für unrealistisch und weltfremd, das Geld einfach Geld sein zu lassen. Sie hat einen Job, Kinder, ein Haus und ist eigentlich ganz glücklich, auch wenn die Hausarbeit manchmal weniger sein könnte und die Kinder öfters mal anstrengend sind. Aber sie schreibt: „Ich mache im Schnitt eine Stunde am Tag Dinge, auf die ich wirklich Lust habe. Die anderen 23 Stunden mache ich Dinge, die ich machen muss.“ 

Nur eine Stunde ist mit Tätigkeiten gefüllt, die sie gerne macht? Klingt traurig. Aber viellieicht ist das ja eine ziemlich realistische Zahl. Wahrscheinlich können wirklich nicht sonderlich viele behaupten, die meiste Zeit ihres Lebens mit Dingen zu verbringen, die ihnen uneingeschränkt Spaß machen. Vor allem im Berufsleben muss man oft Kompromisse schließen. Der Freiberufler muss Aufträge annehmen, die ihn langweilen, aber lukrativ sind, damit er Dinge vorantreiben kann, die ihm wirklich am Herzen liegen, aber nichts abwerfen. Der Angestellte übernimmt nervige Aufgaben, damit ihn der Chef das nächste Mal als Ausgleich berücksichtigt, wenn das Superprojekt auf den Bahamas betreut werden muss.

Wie sieht die Bilanz bei dir aus? Wie viel Zeit verbringst du mit Dingen, die du tun willst, und wie viel mit Dingen, die du tun musst? Wie viel Prozent deiner Arbeit ist Selbstverwirklichung, wie viel davon Kohle scheffeln?

Text: feline-gerstenberg - Foto: tannjuska / photocase.com

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