Bin ich ein Spießer, wenn ich keine Fahne am Auto habe?

Dicke Fandiskussion revisited: Mehr und mehr Autos klemmen sich das Schwarzrotgold in die Auslage. Bin ich spießig, wenn ich mich da nicht mitreißen lasse?
yvonne-gamringer
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Illustration: Julia Schubert

Wenn Bewegung in eine Gesellschaft kommt, wenn sich ein Trend oder eine bestimmte Verhaltensweise entwickelt, entwickelt sich auch Ablehnung. Jetzt sind die Fähnchen wieder da und viele sind ganz Deutschland. Sie wollen sich und ihren Spaß an der WM zeigen und wenn sie an anderen Autos auch noch Fähnchen entdecken, freuen sie sich. So entsteht eine kleine Bewegung, ein bisschen ein Bewusstsein in der ganzen Wahrnehmung der Außenwelt nicht allein zu sein. Gemüter, die sich mit solchen gesellschaftlichen Bewegungen schwer tun, schütteln im Angesicht von Fähnchen den Kopf. Sie finden es beknackt, wenn Seitenspiegel mit schwarzrotgold angepinselten Stoffen überzogen werden. Gestern habe stand ich auf dem Parkplatz vor einem topbeflaggten Auto. Fenster hinten, Fenster vorne, Seitenspiegel, Vollbeflaggung. Ich musste lächeln, als ich den zugehörigen Fahrer in das Fahrzeug habe einsteigen sehen. Eine junge Mutter mit ihrem Sohnemann und der hatte ein Fußballtrikot an. Ein recht schönes Bild von zwei Menschen und ihrem Auto, die sich ein paar Wochen lang vom Spaß an einer Veranstaltung mitreißen lassen. Irgendwie gut, befand ich. Irgendwie doch angemessen. Ich begann meine Aversion gegen Fanbeflaggung zu hinterfragen und landete bei der Frage, warum ich eigentlich nicht fähig bin, mich von der Stimmung mitreißen zu lassen? Warum schleiche ich mich immer mit aller Gewalt am Mainstream vorbei? Kann es sein, dass DAS in Wahrheit ziemlich spießig ist?

Text: yvonne-gamringer - Foto: dpa

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