Das elektronische Antiquariat

Teile diesen Beitrag mit Anderen:



Eine Fotoserie des Wall Street Journal zeigt Bilder aus der verlassenen und geplünderten Überwachungszentrale des ehemaligen libyschen Machthabers Gaddafi: leere Räume, umgestürzte Kartons, haufenweise Aktenordner und eine Menge Unordnung. Der Freitag widmete einen Artikel der veralteten Technik, die auf den Fotos zu sehen ist (Disketten, Videokassetten, massive Computerbildschirme) und bei den Lesern des Boing Boing-Blogs, der auf die Galerie verlinkt, große, nostalgisch gefärbte Begeisterung auslöste („My GOD!  Look at the size of those things!  I'd NEVER misplace them“). Es ist wohl kaum anzunehmen, wie es auch im Freitag heißt, dass Gaddafis Regime mit dieser Ausstattung gearbeitet hat, die neue Technik wurde einfach sehr schnell nach dem Sturz des Machthabers von den Rebellen entwendet. Die Boing Boing-Leser jedoch hätten wahrscheinlich die Disketten und die zentnerschweren Monitore aus dem Gebäude geschleppt.  

Die Begeisterung für alte Technik begegnet einem immer wieder, sie ist ja auch einfach zu haben, immerhin ist der Walkman, mit dem man mit zehn während der Fahrt in den Urlaub auf der Rückbank lümmelnd Hörspiele gehört hat, heute schon antik. Wer ihn noch immer ganz hinten in der Schublade aufbewahrt, hängt der guten alten Zeit und Bibi Blocksberg nach (außer, er hat ihn dort einfach vergessen). Doch abseits jeder Nostalgie liegen und stehen bei fast jedem daheim veraltete technische Geräte und Zubehöre herum, weil sie ihren Dienst noch tun oder man sie seit Jahren nicht benutzt hat, aber schlichtweg zu faul war, sie zu irgendeiner Elektromüll-Sammelstelle zu bringen (von der man zudem nie weiß, wo sie sich befindet). Da wäre zum Beispiel Omas alter Stabstaubsauger, den man beim Auszug zugeschustert bekam und den man so lange benutzen wird, bis das passende Beutelformat irgendwann nicht mehr produziert wird; die WG-Mikrowelle, die schon mehrere Mitbewohner-Generationen überlebt hat und so eklig aussieht, dass keiner mehr etwas damit aufwärmen will; der Ghettoblaster, den man vor fünfzehn Jahren bei Aldi gekauft hat und der noch nie im Ghetto war, dafür jetzt aber verstaubt im Bad herumsteht, weil man mit Radio morgens besser aufwacht – alles Geräte, die etwaige Plünderer ganz sicher in der Wohnung zurücklassen würden.  

Findet man solche Stücke auch in deinen vier Wänden? Was ist dein ältestes Elektrogerät und warum besitzt du es noch? Funktioniert es oder steht es bloß herum und wartet darauf, entsorgt zu werden? Oder bist du ohnehin immer auf dem neusten Stand und hast nichts Technisches mehr daheim, das älter ist als drei Jahre?

Text: nadja-schlueter - Foto: pontchen / photocase.com

  • teilen
  • schließen