Der Buchmesse-Ticker der verhinderten Schriftsteller

Gerade begeben sich wieder alle Verlags- und Feuilleton-Mitarbeiter des Landes nach Leipzig, um auf der Buchmesse bei Prosecco miteinander zu plaudern. Ach so, ein paar Autoren werden auch dort sein und ihr Buch präsentieren. Wärst du gerne einer von ihnen?
christina-waechter
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Illustration: Julia Schubert



Pro Jahr erscheinen in Deutschland annähernd 100.000 neue Bücher. Und obwohl in diesem hart umkämpften Markt wenig Platz für Neues ist, gibt es gefühlt ungefähr zehn Millionen unentdeckte Schriftsteller in diesem Land. 

Unterhält man sich mit Lektoren, dann kommt das Gespräch meist schnell auf die vielen ungefragt eingesandten Manuskripte und die Gefühle, die sie beim Anblick dieser Stapel auf ihren Schreibtischen ereilen. Obwohl die Erfahrung sagt, dass eigentlich keines der Manuskripte etwas taugt und die meisten Buch-Verträge mittlerweile mithilfe eines Agenten eingefädelt werden, der einen potentiellen Autor vertritt, sind die Lektoren dennoch dazu verpflichtet, alle Manuskripte durchzuarbeiten, die ihnen zugeschickt werden – immer in der Hoffnung, dabei die nächste Joanne K. Rowling zu entdecken.  

Eine Bekannte von mir hat es tatsächlich so altmodisch gemacht und einen Roman geschrieben, ohne zuvor abzuschätzen, ob es einen Markt dafür geben könnte oder einen Agenten angeheuert zu haben. Als das Buch fertig war, wusste sie nicht weiter, weil sie keinerlei Kontakte in die Verlagsbranche hat und ihr Verkaufstalent reichlich überschaubar ist, also verschwand die Arbeit eines ganzen Jahres wieder in der Schublade. Seit kurzem hat sich ein Freund der Sache angenommen, der den Roman gelesen und für gut befunden hat - und zumindest ein paar Menschen kennt, die in der Branche arbeiten. Bislang waren seine Bemühungen allerdings vergeblich.

Es ist eine wunderschöne Fantasie, ein Buch zu schreiben und damit über Nacht berühmt, erfolgreich, beliebt, gefragt und natürlich auch: reich zu werden. Wahrscheinlich haben deshalb auch so viele Menschen mindestens eine unausgegorene Idee für einen Lokal-Krimi, eine provokante Streitschrift, das Generationen-Buch des Jahrzehnts oder einen elegischen Roman in der Schublade liegen.

Du auch? Hast du dir schon einen Kommissar mit all seinen menschlichen Macken und Ticks ausgedacht? Hast du die steilste These des Jahrhunderts schon ausformuliert? Oder wartet die Menschheit in Wahrheit nur auf deinen Berlin-Mitte-Roman, der alles endgültig einordnen wird? Keine Angst, du musst keine Plotdetails verraten, die eventuell geklaut werden könnten, nur mal so ungefähr: Wovon wird dein Buch handeln?



Text: christina-waechter - Foto: Susann Städter / photocase.com

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