Der "Darf man das?"-Ticker

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Das Mal auf dem Weg nach Wiesbaden war das Schlimmste. Fünf Stunden Bahnfahrt lagen vor mir, meine Nase glich aufgrund einer massiven Erkältung der jener Promis, die sich am „Red-Nose-Day“ immer dieser albernen Clownsnasen aufsetzen. Demonstrativ vertiefte ich mich in meinen Uni-Ordner – das Zeichen schlechthin für den geübten Bahnfahrer um zu signalisieren: sprich mich nicht an!

Ein älterer Herr neben mir riskierte es trotzdem. Immer wieder reichte er mir hilfsbereit neue Taschentücher an und auch mein unattraktives Schnauben hielt ihn nicht davon ab, mich in ein Gespräch verwickeln zu wollen..

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Illustration: Julia Schubert


Die Sitznachbarn im Zug kann man sich leider nicht immer aussuchen.

Zwar besitze auch ich ein inneres Warnsystem, das Alarm schlägt wenn mir ein Fremder ein Gespräch aufzwingen möchte. Aber andererseits sind es ja zumeist einsame oder hilfsbedürftige Leute, die einen in der Bahn ansprechen. Sofort schweigend den Platz zu wechseln, kann ich also nur selten mit meinem Gewissen und meinen Manieren vereinbaren.

Deshalb erzählte ich dem Mann auf seine Fragen höflichst, dass ich meine Großeltern besuchen wolle (sie waren so ungefähr in seinem Alter) und hoffte der Smalltalk sei damit vorüber. Stur starrte ich wieder in meinen Ordner. Aber ich hatte mich verkalkuliert. Immer wieder suchte der Herr von nun an die Unterhaltung. Machte Bemerkungen zu meinen Unterlagen, erzählte von seiner Vergangenheit als Jurist. Und obwohl er mich zu Tode nervte, litt ich still vor mich hin. Obwohl er ein Fremder war, wollte ich ihn nicht in seinen Gefühlen verletzen.

Somit war ich unvorstellbar erleichtert, als nach fünf Stunden endlich mein Ausstiegsbahnhof angesagte wurde. Ganz ein Kavalier der alten Schule, hievte der Herr mir zum Abschied noch mein Gepäck von der Kofferablage. Kurzzeitig hielt ich dies für den gerechten Lohn, da ich vorher seine Selbstbeweihräucherung so tapfer ertragen hatte. Beim Ausstieg gab der Mann mir dann noch die Hand und ich merkte irritiert, wie ein Stück Papier die Seiten wechselte. Er zwinkerte mir zu und verdattert lief ich zu meinem Großvater, der bereits am Bahnsteig wartete. Als ich später den Zettel entfaltete, waren darauf tatsächlich sein Name und seine Telefonnummer notiert. Dieser Tattergreis wollte mich ernsthaft daten. In diesem Moment verfluchte ich meine verdammte Höflichkeit. Aber was hätte ich tun sollen? Darf man in einer aufgezwungenen Gesprächssituation einfach aufstehen und gehen?

Wie macht ihr das? Habt ihr Taktiken, einem Zwangsgespräch auszuweichen? Oder habt ihr auch schon einmal so eine skurrile Geschichte erlebt?


Text: charlotte-haunhorst - Bild: dpa

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