Der Ehrenbürgerungstest

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Es klingt erstmal ziemlich quatschig: Die Fraktionen der Linken und der Piraten wollen Edward Snowden die Ehrenbürgerschaft der Stadt Göttingen verleihen. Zwar muss man für eine Ehrenbürgerschaft einen eindeutigen Bezug zur Stadt haben und Snowden war eindeutig noch nie in Göttingen - aber auch dafür haben die Fraktionen eine Lösung: "Edward Snowden hat sich mit seinem Kampf für Bürgerrechte weltweit verdient gemacht – und damit auch viel für die Bürger Göttingens geleistet", erklärte Linke-Ratsherr Gerd Nier der taz. Das von den Piraten vorgetragene Argument für eine Ehrenbürgerschaft ist übrigens nicht weniger fantasievoll: Das englische Cheltenham ist seit Jahren Göttingens Partnerstadt und gleichzeitig auch Hauptsitz des Nachrichtendienstes GCHQ (genau, dieses Ufo-artige Gebäude, das man immer in den Nachrichten sieht). Somit würde die Snowden-Affäre auch zum Kommunalthema. Nun sind Ehrenbürgerschaften generell eher eine harmlose Sache. Man bekommt eine hübsch polierte Medaille, trägt sich mit etwas Glück noch in ein dickes Buch ein und danach gibt es einen Sekt. Die Gegenleistung ist da meistens schon größer: Jahrelanges ehrenamtliches Engagement für eine Stadt ist meistens die Grundvoraussetzung. Dementsprechend sind die meisten Ehrenbürger bei der Titelverleihung schon sehr alt.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert
Snowden als Ehrenbürger Göttingens? Klingt nicht so richtig schlüssig. 

Sollen dann doch mal jüngere Menschen zum Zuge kommen, hapert es meistens an der Begründung. Sarah Connor konnte für ihre Heimatstadt Delmenhorst beispielsweise kein Ehrenamt nachweisen, weshalb man kurzerhand den Begriff "Ehrenbotschafterin" für sie erfand - eine Ehrenbürgerin light quasi. Zweifelsohne hat Connor auch viel für die Bekanntheit von Delmenhorst getan - warum Sven Regener dann kein Ehrenbotschafter ist, bleibt unklar. Auch Lena Meyer-Landrut ist überraschenderweise nicht Ehrenbürger von Hannover, Gerhard Schröder hingegen schon.

Vielleicht hat dieses lange Warten, bis man jemandem die Ehrenbürgerwürde zuspricht, aber auch mit der deutschen Vergangenheit zu tun: Nach dem zweiten Weltkrieg mussten zahlreiche Städte Adolf Hitler und seinen Nazi-Kollegen die Ehrenbürgerwürde absprechen. Manche Städte vergaßen es aber auch - was dann jedes mal zu Spott führte, wenn Städte wie Düsseldorf, Kleve oder Hannoversch Münden erst ein halbes Jahrhundert später einfiel, dass sie Hitler vielleicht noch von der Liste streichen sollten.

Auch wenn Ehrenbürgerschaften also prinzipiell unsinnig sind - gibt es jemanden, von dem du denkst, dass er sie verdient hätte? Jemand, der sich besonders für deine Stadt eingesetzt hat? Oder verfolgst du eher die Göttinger Argumentation bezüglich Edward Snowden? Gäbe es da jemanden, der deiner Meinung nach eine Ehrenbürgerschaft verdient hätte? 

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