Der Einmaligkeits-Ticker

Schaffst du es, gegen den Strom zu schwimmen? Oder tauchst du gerne als ein Teil einer Masse unter? Wie steht es um deine Einmaligkeit?
anabel-schleuning

Wir fahren einen Mini, tragen eine Hornbrille, machen ein Auslandssemester in Südamerika und gehen unheimlich gern ins K&K am Gärtnerplatz. Dabei fühlen wir uns einzigartig einmalig. Es scheint uns zu entgehen, dass gerade jeder halbwegs hippe Typ einen Mini fährt und auch, dass er ebenfalls eine Hornbrille trägt, unter der Woche in Rio studiert und seine Wochenenden dann im K&K verbringt. Warum? Weil die Marketing- und Werbeindustrie perfekt funktioniert und uns einen riesengroßen Streich spielt, indem sie jedem von uns das Gefühl vermittelt, wir wären was ganz besonderes mit dem was wir tun, was wir tragen, was wir sagen. Im gleichen Atemzug ist jeder von uns ein Narzisst im besten Sinne, der weder nach links noch nach rechts blickt, sondern vor allem an seinem eigenen Körper hinab und sich sogleich ehrfürchtig vor ihm verneigt.

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Illustration: Julia Schubert

Das erklären uns auf knapp 170 Seiten die Markenpsychologen Oliver Ericchiello und Arnd Zschiesche in ihrem neuen Buch „Wir Einmaligen“. Ein Meer an Selbstbildern und Rollen bietet uns die Welt, in der wir leben: Wer man gerne sein möchte kann man wie bei einem Tier-Mix-Verwandlungs-Buch wild zusammenstellen. Ein bisschen Zebra, ein bisschen Nilpferd, ein bisschen Eichhörnchen. Man besorgt sich eine Jack Wolfskin Jacke und ist ein bisschen der Into-the-Wild-Typ. Man heiratet eine möglichst ansehnliche Person, die einem immer wieder versichert, wie einmalig man doch sei und ist ein bisschen der Familien-Typ. Man reist in ein Ayurveda-Zentrum nach Indien und ist ein bisschen der Selbstfindungs-Typ. Eine humorvolle Abhandlung der facettenreichen Kostüme dieser Weltbühne bietet uns „Wir Einmaligen“: Wir fahren mit unserem Range Rover auf einen Wochenendkurztrip nach Kitzbühl, nehmen unser iPhone selbstverständlich dahin mit und schreiben von dort aus ein Kinderbuch, um der Welt auch nach unserem Abgang etwas von unserer Einmaligkeit zu hinterlassen. Aber sind wir tatsächlich so einfach zu durchschauen? Die beiden Markensoziologen bringen derzeitige Trends gekonnt auf den Punkt. Dennoch bleibt die Frage, ob der Mensch tatsächlich so einfach auf ein Minimum zu reduzieren ist. Bestimmt hat sich jeder einmal dabei ertappt, wie er sich unbedingt irgendeinen Schnickschnack anschaffen musste, weil man das eben im Moment so macht und das für etwas ganz Besonderes steht. Ein paar Tage später ärgert man sich dann über diesen Schnickschnack und allen voran über sich selbst, weil man das ja eigentlich gar nicht ist. Angewidert schüttelt man das für den Moment so attraktive Schein-Gewand ab. Es passt nicht, es sitzt nicht, es ist unten zu lang und oben zu eng. Es widerstrebt dem eigentlichen Ich-Sein.

Aber hat es nicht vor allem mit Persönlichkeitsschwäche bzw. –stärke zu tun, ob man sich durch solche Äußerlichkeiten definiert oder eben nicht? Gehört es nicht zum normalen „Werdegang“ mal mehr mal weniger bei sich zu sein, in einem Moment leichtsinnig verführt zu werden und im nächsten per se dagegen zu sein. Die Frage „Wer bin ich?“ begleitet uns ein Leben lang, drängt sich auf, zwingt uns, sich mit dem Leben und mit sich selbst, diesem umherirrenden Ich auseinanderzusetzen. Die Grenzen sind fließend, jeder Mensch steht ja doch in ständiger Abhängigkeit zu seiner Umwelt und kann sich davon nur bedingt distanzieren. Trotzdem ist man doch eigentlich immer darum bemüht, möglichst nah bei sich und möglichst fern von irgendwelchen Oberflächlichkeiten zu sein. Oder nicht? Die beiden Markenpsychologen kommen zu einem anderen Schluss: der Mensch soll sich endlich damit abfinden, ein Herdentier zu sein, er soll widerstandslos im Strom der Masse eintauchen und sich vom Streben nach Einmaligkeit verabschieden, denn das führt sowieso nur ins Leere. Aber sind nicht Individualität und Einzigartigkeit eines jeden nicht das Spektakuläre an der Gattung Mensch? Über zwei Zitate bin ich gestolpert, die genau das ziemlich präzise auf den Punkt bringen: „Be you. Find you. Be happy with that.“ oder „We all grow into the beautiful person that we´re supposed to be – some earlier, some later.“ Fällt es dir schwer, gegen pseudo-einmalige Trends und hippe Mode-Erscheinung unserer Zeit anzutreten? Bist du bei dir oder reißt dich der strömende Hype dann doch von Zeit zu Zeit mit? Wie steht es um deine Einmaligkeit?

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