Der Lösch-mich-nicht-Ticker

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Wer im echten Leben einen oberflächlichen Kommentar zum neuen Freund einer Freundin in die Runde flötet, erntet vielleicht verlegenes Schweigen oder peinlich-betretene Blicke. So unpassend die Aussage aber auch war, sortiert sie der Kopf des Gegenübers wahrscheinlich früher oder später wieder aus. Anders im Internet: Hier hagelt es Tweets und Kommentare, wenn die Finger schneller getippt haben als der Kopf denken konnte. Gut also, dass es die Lösch-Funktion gibt, die verschwinden lässt, was man bereut.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert



Darauf können sich twitternde Politiker künftig nicht mehr verlassen: Die Seite Politwoops.de veröffentlicht die gelöschten Tweets von Abgeordneten aller Bundestagsfraktionen. Die gelöschten Tweets archiviert Politikwoops.de automatisch. Die Nutzer können hier auch Nachrichten der Bundespolitiker nachlesen, die vor über einem Jahr gepostet und wieder gelöscht wurden, und erfahren, nach welcher Zeitspanne der Tweet wieder von der Seite verschwand. Für besondere Furore sorgte vor Kurzem ein Tweet auf dem offiziellen Kanal von Peer Steinbrück. "Wann hat sich ein Kanzlerkandidat irgendeiner Partei schon mal für Netzpolitik interessiert! Wann? cc @pottblog", war neben dem Profilbild des milde lächelnden SPD-Politikers zu lesen. Schon nach einer halben Minute war der Tweet wieder von dem Kanal verschwunden. Später stellte sich heraus: Ein twitternder Mitarbeiter hatte die Aussage eigentlich für den eigenen Kanal vorgesehen und postete sie nur aus Versehen im Namen seines Chefs.

Zu harsch formulierte und deswegen wieder gelöschte Kommentare der Bundespolitiker sind allerdings auf Politwoops.de die Ausnahme. Viel häufiger sind künstlich-private Nachrichten über Zugverspätungen und Vertipper zu finden. "Frohe Ostern", zwitscherte zum Beispiel SPD-Bundestagsabgeordnete und stellvertretende Fraktionsvorsitzende Elke Ferner und verlinkte eine SPD-Ostereier-Graphik. Nach drei Minuten löschte sie den Eintrag und twitterte die gleiche Botschaft mit dem Bild eines krossen Schweinebratens im Urlaub.

Hinter der deutschen Seite stecken die Macher vom Blog netzpolitik.org in Zusammenarbeit mit zwei niederländischen Plattformen.

Aber gerade die Geschichten von Schweinebraten-Fotos und wild twitternden Mitarbeitern stimmen nachdenklich: Sollten auch Politiker im Netz ein Recht auf Vergessen haben? Schließlich werden auch im echten Leben nicht alle unüberlegten Aussagen archiviert und gesammelt veröffentlicht. Oder müssen Bundestagsabgeordnete und ihre Mitarbeiter eben zweimal nachdenken, bevor sie auf dem Smartphone herumtippen?

Text: dorothea-wagner - Illustration: Marie-Claire Nun

  • teilen
  • schließen