Der "schneller, höher, weiter"-Ticker

Nicht nur Sportler helfen sich mit Chemie, auch im Alltag sind Medikamente zur Leistungssteigerung weit verbreitet. Kein Wunder in einer Gesellschaft, die sich Höchstleistung zur Norm gemacht hat. Spiegelt sich das auch in deinem Alltag wider?
simon-hurtz

Nun also auch noch Alberto Contador. Im Urin des dreifachen Siegers der Tour de France wurde das verbotene Clenbuterol nachgewiesen. Damit sind alle Gewinner der Frankreichrundfahrt seit 1996 des Dopings überführt: Bjarne Riis, Jan Ullrich, Lance Armstrong, Floyd Landis und nun eben der spanische Radprofi. Dem Rad-Weltverband UCI ist nun daran gelegen, das Thema möglichst nicht an die große Glocke zu hängen und einen Skandal unter allen Umständen zu vermeiden. Statt der üblichen Zwangspause von zwei Jahren soll Contador lediglich mit einer dreimonatigen Sperre belegt werden, angeblich war sogar eine „interne“ Lösung angedacht und das Durchsickern des Vorfalls an die Öffentlichkeit überhaupt nicht beabsichtigt. Aber ganz egal wie sich die Causa Contador nun weiter entwickeln wird, ist die jüngste Dopingaffäre nur ein weiteres Glied in einer schier endlosen Kette aus Skandalen und Betrügereien. Fest steht auf jeden Fall, dass die Glaubwürdigkeit des Radsports auf lange Sicht beschädigt ist und noch die wenigsten Zuschauer ernsthaft davon ausgehen, dass „ihre“ Helden ohne Chemie die Berge heraufklettern. Zwar ist der Radsport sicherlich das extremste Beispiel, aber auch viele andere Disziplinen machen in schöner Regelmäßigkeit durch prominente Dopingfälle von sich reden. Ob Skilanglauf, Leichtathletik, Gewichtheben oder Schwimmen, der Betrug scheint überall dazu zu gehören, auch der „Volkssport“ Fußball hat schon lange keine blütenweiße Weste mehr. Ich will an dieser Stelle aber gar nicht weiter auf dem Sport herumreiten, sondern eine andere Frage aufwerfen: Studenten schmeißen „Ritalin-Partys“ und schlucken vor Klausuren Beruhigungsmittel, Manager halten sich mit Amphetaminen wach und Soldaten im Kampfeinsatz sind nicht selten wandelnde Medizinschränke. Mit chemischer Unterstützung soll Höchstleistung erbracht werden, dafür werden Gesundheitsrisiken in den Wind geschlagen und bewusst Raubbau am eigenen Körper betrieben. Kurzum: es wird auf Biegen und Brechen gedopt, ganz genau wie im Hochleistungssport. Der entscheidende Unterschied ist, dass es für die Sportler eine Dopingliste gibt, die eindeutig besagt, welche Mittel illegal sind – im Alltag sind die Grenzen deutlich weniger klar. Was ist noch unbedenklich, wo fängt der Medikamentenmissbrauch an? Am Morgen schnell zwei Tassen Kaffee, mittags eine Dose Red Bull und vor dem Zubettgehen ein Schlafmittel, eigentlich ist auch das schon Doping. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, Funktionieren und Normerfüllung sind alles, abweichendes, „unnormales“ Verhalten wird oftmals sanktioniert und als Scheitern begriffen. In unserer Gesellschaft gilt ein ständiges „Schneller, höher, weiter“ und um dem gerecht zu werden, sind nicht selten alle Mittel recht. Angefangen beim enormen Lerndruck in der Schule, über die immer dichteren Prüfungstermine beim Studium, bis hinzu ständig wachsender Konkurrenz im Berufsalltag. Wir vergleichen uns permanent mit anderen, messen unsere Leistung, wollen mithalten können und übertrumpfen. Immer gibt es jemanden, der noch besser ist. Macht sich das auch in deinem Alltag bemerkbar, verspürst auch du diesen Druck? Hast du eine Möglichkeit gefunden, aus diesem Hamsterrad der in den Himmel wachsenden Anforderungen auszusteigen und dich innerlich davon abzugrenzen? Oder fühlst auch du dich mitunter wie ein Getriebener angesichts des ständigen Funktionieren-Müssens, dem Zwang zur Normerfüllung, dem Leistungsdruck?

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