Bei mir begann es immer mit einer Calzone. Sturmfrei-Zeit war Calzone-Zeit. In einem alten ledernen Geldbeutel lag Geld, mit dem ich über die Runden kommen sollte, solange meine Eltern im Urlaub oder sonst wo waren. Meine erste Amtshandlung nach ihrer Abreise war immer die Calzone-Bestellung beim Italiener nebenan. Meine Eltern bestellten dort nie, irgendwann war mal eine Spinne im Salat gewesen. Der Anblick der zusammengeklappten Pizza, die ich stets im Liegen auf dem Wohnzimmer-Teppich vor dem Fernseher aß, war meine Auftaktfeier für die Sturmfrei-Zeit.

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Krawall und Remmidemmi

Sturmfrei haben ist großartig. Keine Regeln außer den eigenen. Kein Gemecker, kein Ärger, alles ist egal bis zu dem Zeitpunkt, an dem man doch irgendwann ans Aufräumen denken muss. Sturmfrei ist die Steilvorlage, die man nur noch zu verwandeln braucht, sturmfrei ist der beste Nährboden für ein Maximalaufkommen von Dummheiten. Man trinkt sich durch die Minibar der Eltern (aber immer nur so viel aus jeder Flasche, dass es nicht auffällt), spielt Coladosen-Fußball auf dem Esszimmer-Parkett, dreht mit Papas Auto eine Runde im Wald. Nicht umsonst beginnt auch in Tschick, dem Jugendroman-Wunder von Wolfgang Herrndorf, das Abenteuer zu dem Zeitpunkt, als Maiks Eltern ihn zurücklassen und klar wird, dass er die Sommerferien alleine verbringen wird. Und nicht umsonst beginnt die Deichkind-Eskalationshymne "Remmidemmi" mit den Zeilen "Deine Eltern sind auf einem Tennisturnier / Du machst eine Party, wie nett von dir"

Was war oder ist dein Sturmfrei-Ritual? Wie weit bist du über die Stränge geschlagen, als das Elternreich plötzlich deines war? Gab es Folgeschäden?

Und wie überträgt sich das Sturmfrei-Verhalten aus der Teenager-Zeit ins Erwachsenenleben? Wenn man mit der Freundin oder dem Freund zusammen wohnt oder in einer WG? Was sind deine Endlich-Alleine-Moves?

Text: eric-mauerle - Foto: möpmöp / photocase.de