From: Kindheit To: Disco. Erzähl von deinem ersten Mal unter der Glitzerkugel

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In Zuge einer Ausstellung im Museum "Palais de Tokyo" wurde eine große Kiste aufgestellt, in der alle Zutaten einer Disko auf Kindergröße abgestimmt installiert wurden – inkl. echtem DJ, der besonders kindertanzfreundlichen Disko –Trash aus den Siebzigern auflegt. Es gibt Gummibärchen und Cola, loungige Sitzkissen und eine Tanzstange, die aber eher als Turnstange genützt wird. Die Pariser Kinder finden die Disko für Drei- bis Siebenjährige angeblich super, vielleicht auch, weil Eltern keinen Zutritt haben. Und die Eltern haben augenscheinlich nichts gegen die Früherziehung zum Nightlife.

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Illustration: Julia Schubert

Normalerweise macht man die ersten Disko-Erfahrungen aber nicht mit Schnuller um den Hals, sondern mit gefälschtem Ausweis in der Tasche. Die jetzt.de-Redaktion hat sich, inspiriert von der Baby-Disko an ihre eigenen ersten Disco-Besucher erinnert: philipp-mattheis im „Out“ Der Ziffer „9“ hatte ich behutsam einen Viertelkreis hinzugefügt, so dass sie – fast – aussah wie eine hingeschmierte „8“. In meinem MVG-Ausweis stand also unter Geburtsjahr nicht mehr 1979, sondern 1978. Ich war damit 16. Dieser eine Viertelkreis verschaffte mir Zutritt zu den heiligen Hallen des „Out“. „Out“ war die Kurzform der Discothek „Out of Munich“ und ließ sich wunderbar verkürzt ausbellen „Autt“, „gehma ins Autt?!“. Schmidi (der war zwei Jahre älter, aber auch noch keine 18) und ich kamen tatsächlich am Türsteher vorbei, mussten aber unsere MVG-Ausweise an der Kasse abgeben. Schmidi bestellte an der Bar „Rüscherl“ (Cola mit Schnaps), wir setzten uns auf die Barhocker und blickten auf eine Wüste aus Neon, Schwarzlicht und Spiegeln, über die hin und wieder eine Landpomeranze schritt. Schmidi erklärte mir dann ausführlich, wie er dieses Mädchen ansprechen, betrunken machen und dann auf alle erdenkliche Weise mit ihr die ganze Nacht Sex haben würde. Dazu kam es natürlich nicht. Damals fand ein Großteil unseres Lebens im Konjunktiv statt. Um 24 Uhr mussten wir das „Out“ nämlich wieder verlassen. Wir erwischten gerade noch den letzten Bus. Schmidi redete noch immer von Sex und ich dachte mir: Irgendwo da muss es sein, das Leben. max-scharnigg im "Babylon": Das „Babylon“ im damals noch ziemlich intakten Kunstpark Ost lockte Mitte der Neunziger freitags mit „Free Limes“. Große Stadt und freies Trinken - da fiel es 16-jährigen verspannten Gymnasiasten schwer zu widerstehen und wir pendelten mit der S-Bahn hin. Wir waren wahnsinnig früh da und standen als erste an der langen Theke, auf der hunderte Einweggläser mit der dickflüssigen Limespampe warteten. Die tranken wir Tablettweise und fachsimpelten darüber, welche Geschmacksrichtungen „ätzend“ wären - so lange bis der Nachschub deutlich nachließ. Das war natürlich alles sehr verheerend, der billige Wodka in klebsüßem Sirup erzeugte ein ekelhaftes Mundgefühl. Auf der Tanzfläche liefen aufgepushte Schlager, was uns trotz Limes peinlich war. Deswegen drückten wir uns eher am Rand rum, bzw. umlagerten die beiden Flipper, in eindeutig unlässiger Manier. Im Grunde waren wir gekommen, um mal andere Mädchen zu treffen, droschen aber nur wie besessen auf die Flipper ein. Dann verschwand einer nach dem anderen Richtung Toilette, um schief grinsend und bleich wiederzukommen. Wie’s dann weiterging? Wie immer halt: Sebi ist irgendwo eingeschlafen, Jan erwischte gerade noch die letzte S-Bahn, Matze hat tatsächlich noch geknutscht, ich selber stand irgendwann am Dönerstand und kramte nach dem letzten Fünf-Mark-Stück. Am nächsten Montag in der Schule klang das aber alles wesentlich wilder. christiane-lutz im „Heimatstern“ Mein Herz klopfte, als ich an den dicken Türsteher herantrat. „Ausweis?“ fragte er genauso mürrisch, wie ich mir das erhofft hatte. Betont locker griff ich in die Tasche und hielt ihm meinen nagelneuen Personalausweis unter die Nase. Endlich sechzehn. Ein kurzer Blick auf Foto und Geburtsdatum und ich durfte rein. Das war der Höhepunkt des Abends. Im rauchig, gelben Gewölbekeller des „Heimatstern“ nämlich fing ich an, alles ziemlich bekloppt zu finden. Ich traute mich nicht, mehr als zwei „Smirnoff Ice“ zu trinken, aus Angst, betrunken zu werden und saß steif da in meinem neuen H&M Top, vergeblich wartend auf – ja, auf was? „I’m a Barbie Girl, in this Barbie world…“ brachte mich nur mäßig in Fahrt, der Anblick meiner schwankend, schwitzenden Schulfreunde ebenso wenig. Irgendwie ekelten sie mich an. Die Luft war mies, meine Stimmung auch. Ich war hier erfolgreich reingekommen, hatte Alles gesehen und wollte jetzt nur noch eins: schnell wieder raus. stefan-winter im „Delta Musik Park“ Herbstferien 1998. Wir waren bei meinem Onkel im Ruhrgebiet zu Besuch. Am Freitagabend lud mein Cousin M. mich ins Auto und wir fuhren gemeinsam in den Delta Musik Park in Duisburg. Eine schreckliche Großraumdisko im Ruhrgebiet. Ich war 14 Jahre alt, sehr aufgeregt und stellte mich brav in die Schlange vor einem der Tanzzelte an. M. beachtete mich nicht weiter und zog mit seinen Kumpels los. Ich holte mir ein Bier und beobachtete mit großen Augen das Gewackel im Schwarzlicht. Als mein Bier zu Hälfte ausgetrunken war, wurde mir plötzlich schwarz vor Augen. Ich schleppte mich aufs Klo, wo ich mich übergeben musste. Kurz danach brachte mich mein sichtlich genervter Cousin nach Hause. Ich bin danach nie mehr in eine Großraumdisko gegangen. Ausgehen war auch nie wieder so schlimm. Glitzervorhang auf: Wie war dein erstes Disko-Erlebnis?

Text: jetzt-redaktion - Foto: dpa

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