Ist Kaffeetrinken Kunst?

Es gibt Barista-Meisterschaften, Kaffeemanufakturen und Espressomaschinen für mehrere tausend Euro. Trinkt überhaupt noch jemand Filterkaffee im Kännchen?
anna-kistner

Vergangenes Wochenende fand in Hamburg die Kaffeeolympiade 2011 statt. Ein wohlklingender Name für eine Veranstaltung, bei der die besten Kaffeekünstler Deutschlands (im internationalen Fachjargon „Baristas“ genannt) in unterschiedlichen Disziplinen zeigen sollen, „warum sich Kaffee in seiner Komplexität und Vielseitigkeit nicht hinter Wein und Whiskey verstecken muss.“ So formuliert es das Organisationsteam der Kaffeeolympiade. Die vier erwähnten Disziplinen lauten: Barista Championship. Latte Art Contest, Coffee & Spirit Contest, Cup Tasting Contest. Je Contest wurde jeweils ein Deutscher Meister ermittelt, der Deutschland bei der im Juni in Bogota stattfindenden Barista-Weltmeisterschaft vertreten wird.  

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Illustration: Julia Schubert


Das alles klingt ungemein nerdig, wie geschaffen für eine Exklusiv-Berichterstattung auf ProSiebens Wissenssendung „Galileo“. Tatsächlich ist die Kaffeeolympiade aber nur die werbewirksame Spitze einer Entwicklung, die in den letzten Jahren immer radikalere Züge annimmt. Die Verwandlung des morgendlichen Wachmachers Kaffee hin zum koffeinhaltigen Genussmittel, dessen Herstellung und Zubereitung einem Kunsthandwerk gleicht. Der aktuelle Deutsche Barista Meister Wolfram Sorg schreibt in seiner Kurzbiographie auf der Homepage der Deutschen Baristagilde e.V.: „Das Thema Kaffee begann 2004 als Hobby, ist in den letzten Jahren allerdings zu einem ausgewachsenen Wahnsinn gereift.“  

Wolfram Sorg arbeitet hauptberuflich als Unternehmensberater im IT-Umfeld. Im Nebenjob betreibt er eine kleine Kaffeerösterei, die backyard coffee Rösterei . Sein „San Juanillo“ Kaffee kostet in der 500g Packung stolze 26 Euro. Dafür darf sich der Käufer eines Geschmacks erfreuen, der „mit Nuancen von Steinobst, trockenen Früchten und leichten Schokolade- und Nussnoten“ daher kommt. Das klingt gut. Fast so vielversprechend wie der Name eines Kaffees, den die Nürnberger Kaffeemanufaktur Machhörndl derzeit im Ausschank hat: Einen „Costa Rica Tarrazu Finca La Candelilla El quemado Lot 100% Geisha“.  

Ein Blick auf das Teilnehmerfeld der Deutschen Barista Meisterschaften bestätigt den Eindruck, dass Einkauf, Röstung und Zubereitung des perfekten Kaffees männliche Hobbys sind: Nur eine Frau befindet sich unter den sechs Finalisten des Wettbewerbs – auf Platz sechs. Es scheint jedenfalls vor allem Männern Spaß zu machen, so lange an den Hebeln einer dieser silbern glänzenden Espressomaschinen rumzujustieren, bis endlich die perfekte Crema auf dem Kaffee glänzt oder der so genannte „God Shot“ (der perfekte Espresso) gelungen ist.

Wobei: Die Gründer der Black Pirate Coffee Crew – ein Shopping-Club für Kaffee-Liebhaber – sind weiblich. Es wäre wohl also übertrieben, sich der Meinung von jetzt-User ThomasCrown anzuschließen, der unter dem jetzt.de-Interview mit den Black-Pirate-Coffee-Crew-Gründerinnen angemerkt hat, dass er „die Suche nach dem perfekten Espresso für einen ziemlichen Schwanzvergleich“ hält.  

Wie viel Professionalität leistest du dir bei der Zubereitung deines Kaffees? Hältst du Kaffee für ein Genussmittel? Oder für ein Mittel zum Zweck, morgens wach zu werden?

Text: anna-kistner - Bild: rockabella / photocase.com

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