Ja, ja, dieser Tolstoi - der Ticker der Kultur-Schwindler

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Dieser Mann hat bestimmt schon jedes wichtige Buch gelesen - Streber! Bild: dpa Ich habe in meinem Leben schon viele Bücher gelesen. Aber naturgemäß noch viel mehr nicht gelesen. In den meisten Fällen ist das nicht weiter schlimm. Trotzdem nagen immer wieder kleine Gewissensbiss-Tiere an meinen Innereien, wenn ich durch Buchhandlungen wandere und zufällig am Klassiker-Tisch vorbeikomme. Da stapeln sich nämlich die Bücher, von denen man sagt, dass ohne deren Lektüre kein Mensch unsere Zeit und Kultur verstehen könnte. Noch peinlicher, weil öffentlicher, die typische Party-Situation, in der irgendwann irgendwelche Schlaumeier beginnen, sich über die "MUSST DU UNBEDINGT GESEHEN HABEN-Filme" unterhalten und jeden, der die Bildungslücke zugibt, mit totaler Ver- und Nichtbeachtung strafen. In solchen Situationen bewähren sich zwei Strategien: Die erste ist die ehrliche, mit der man sich aber der Kritik der Anderen aussetzt. Man gibt einfach zu, das Buch und den Film nicht zu kennen und macht sich eine mentale Notiz auf der ausgefransten Lese-Liste. Die andere Strategie funktioniert ungefähr so: "Ja, ja, krasser Film - total neuartige visuelle Dimension. A propos Dimension, wusstet ihr schon, dass ich die fünfte Dimension mit meinem Körper nachstellen kann?" - und dann muss man sich etwas Gutes einfallen lassen. Glücklicherweise gibt es dieses Phänomen auch bei respektablen Autoren, die ihre beschämenden Wissenslücken jetzt der Öffentlichkeit offenbart haben. Jetzt du: Welche Bücher hast du nicht gelesen? Gibst du deine Wissenslücken zu? Oder schämst du dich? Für welches ignorierte Buch, welchen Film schämst du dich besonders? Oder hast du sowieso alles schon gelesen und gesehen?

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