Kennst du dich aus, wo du lebst?

Da bekommt man Besuch und der Besuch fragt Sachen zum Ort, in dem man lebt - und man kann nix sagen. Ist das peinlich oder okay?
yvonne-gamringer
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Illustration: Julia Schubert

"Bei mir ist auch gleich das Kloster Andechs in der Nähe. Da sind so Mönche drin, das ist sehr alt. Das haben die Dings erbaut, die, na ..., die Mönche halt. Jedenfalls gibt es da gutes Bier!" Am Wochenende hatte ich sehr netten Besuch und Sonntagnachmittag haben wir uns in meiner Stadt umgesehen. Wohlgemerkt in "meiner Stadt", in der ich schon einige Zeit lebe und in der ich mich auskenne. Ich weiß, wo gut Einkaufen und Essen und Trinken ist. Offenbar ist das fast alles, was ich weiß. Mein Besuch wollte nämlich meine Stadt sehen, mehr noch: Ich sollte eine kleine Stadtführung machen. Das war dann peinlich, weil ich wirklich nicht viel mehr als "die Kirche ist schon ziemlich alt" und "aus dem Rathausfenster muss mal einer gesprungen sein" sagen konnte. Weiß Gott, ich interessiere mich nicht so sehr für Geschichte. Das ist also eine Erklärung dafür, dass ich schnell wortkarg werden musste. Aber ich schämte mich gleichzeitig, mir in all der Zeit nicht wenigstens die Basics zu meinem aktuellen Wohnort draufgepackt zu haben. Hätte ich nur einmal eine Stadtführung mitgemacht, ich hätte einiges erzählen können! Kennst du dieses Gefühl? Dass man viel Zeit an einem Ort verbringt und doch nichts von dem Ort weiß? Muss ich mich dafür schämen? Ein bißchen tu ich das. Ich habe mir fest vorgenommen, demnächst eine Stadtführung zu machen. Für ein bißchen Heimatgefühl.

Text: yvonne-gamringer - Foto: dpa

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