Mein bester Freund der Darm

Giulia Enders redet gern, auch im Fernsehen und vor allem über Stuhlgang. Sie will Darmfunktionen und -krankheiten enttabuisieren. Aber hat es nicht vielleicht seine Gründe, warum wir nicht über jeden Sch(e)iß reden wollen?
teresa-fries

Und wie läuft's bei dir so auf dem Klo? Eine Frage, die du wahrscheinlich - zurecht - nicht und vor allem nicht jedem beantworten würdest. Außer vielleicht, du wärst Giulia Enders, eine 24-jährige Medizin-Doktorandin, die ein Buch mit dem Titel "Darm mit Charme" geschrieben hat und seitdem von einem Interviewstuhl zum anderen geht und über Stuhlgang redet. (Du merkst schon: Ein Thema, das zu schlechten Wortwitzen einlädt, die sich auch wirklich niemand entgehen lässt. Auch ich natürlich nicht.)

Giulia Enders ist die Julia Engelmann der Gastroenterologie: alles begann mit einem Video. Wie sie redet, ist nicht wirklich poetisch, klingt aber irgendwie so. Sie spricht vom gechillten Dickdarm, von der Osmose, die das Gerechtigkeitsgefühl des Wassers sei und vom Dünndarm, als dem andersartigen Wesen, das wie Samt glänze, nass rosa und irgendwie zart. Der Unterschied: Giulia Enders redet keine Scheiße sondern über sie - könnte man sagen.

http://www.youtube.com/watch?v=MFsTSS7aZ5o

Sie ist auf der Mission, uns alle in inniger Freundschaft mit unseren Gedärmen zu vereinen. Denn gehe es unserem Verdauungstrakt gut, dann gehe es auch uns gut, sagt sie. Ist unser Darm uns feindlich gesinnt, kann er von Hautproblemen bis zu Depressionen anscheinend alles auslösen. Man sollte ihn also freundlich stimmen - zum Beispiel mit probiotischem Joghurt und der richtigen Sitzposition, wenn man den Joghurt wieder loswerden will: Nach vorne gebeugt, die Füße auf ein Höckerchen. "Dann flutscht es besser." Zu dolle Drücken könne zu Stuhlgangsohnmacht und sogar zu Schlaganfällen führen.

Jetzt mag das natürlich alles richtig sein und Aufklärung ist ja gut, aber trotzdem möchte man doch nicht so offen mit jedem darüber reden, wie Giulia es gerne hätte, oder? Auch wenn man es mit so charmanten Ausdrücken tut wie "pupsen" oder "Breakdance in der Speiseröhre." Es mögen zwar jetzt alle ganz begeistert sein von der Freiheitskämpferin der Gastroenterologie, Frau Che Guevara der Ausscheidungen. Aber sobald sie in der Öffentlichkeit mal ordentlich Gas abließe, würde der Charme der hübschen Blondine in Sekunden damit verduften.

Schließlich wollen wir doch eines noch viel weniger, als über unsere Darmfunktionen reden: von denen der anderen hören. Die Toilette ist der einzige Ort, an dem so ziemlich jeder allein sein will und das mit gutem Grund. Denn nichts nimmt jedem Chef, Schwiegervater oder jeder Profssorin in unseren Augen so viel Würde, Erhabenheit und Autorität wie ihn oder sie auf dem WC sitzen zu sehen und sei es nur vor unserem geistigen Auge.

Oder bist du der Meinung, wir müssen uns endlich daran gewöhnen, dass nun mal jeder auf die Toilette geht und aufhören so ein Geschiss darum zumachen (das war der Letzte, versprochen)? Ist all der Ekel und die Scham bei so etwas Natürliche einfach völlig fehl am Platz? Sollte man endlich offen über Darmfunktionen, Geschlechtskrankheiten, Hühneraugen, Hämorriden und Flatulenz reden können? Und ist es nicht irgendwie der Inbegriff der Spießigkeit, wenn man nicht auf Toilette gehen kann, sobald sich jemand im Umkreis von zehn Metern aufhält?

Anmerkung der Redaktion: Ja, uns ist bewusst, dass es so früh morgens ein heikles Thema sein könnte. Nein, wir wissen nicht, was hier in den Kommentaren passieren wird. Und ja, wir haben Angst davor.

Text: teresa-fries - Foto: dread kennedy / photocase.com

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