Nächtliche Störung

Im falschen Bahnhof aufgewacht, mit zerschnittener Hand im Krankenhaus oder betrunken auf der Polizeistation - was war der schlimmste Anruf, denen du deinen Eltern in der Nacht zugemutet hast?
charlotte-haunhorst

Meine Mutter hasst Bügeln. Bügeln ist für sie der unnötigste Wurmfortsatz der Hausarbeiten, den man deshalb möglichst lange rausschiebt oder im besten Fall der Reinigung überlässt. Wenn meine Mutter das Bügelbrett aufstellt, muss sie somit völlig verzweifelt sein und sich nicht mehr anders abzulenken wissen, als dass sie nochmal ein paar Hemdkragen plattmacht.

In der Nacht, in den furchtbarsten Anruf bei meinen Eltern tätigte, den man als Kind diesen armen Erwachsenen zumuten kann, hat sie sehr viel gebügelt.

Ich war 15 und es war Tanz in den Mai. Eine Schützenparty, bei der lauter Minderjährige (also auch ich und meine Freundinnen) sehr viel Erdbeer Limes tranken und dann betrunken durch den Wald liefen um "die Sterne besser zu sehen". Superclevere Idee, wenn es stockfinster ist und der Boden sowieso schon bedenklich schwankt. Es war abzusehen, dass ich stürzen würde. Das Schicksal wollte es allerdings, dass ich mich nicht einfach nur langmachte sondern natürlich auch noch mit der Hand in eine zerbrochene Bierflasche fiel. Bisschen Blut, was ich im Dunkeln so erfühlen konnte. Aber die Finger ließen sich noch bewegen.

Was war der schlimmste Anruf, den du deinen Eltern nachts angetan hast?

Erst als ich ins Licht trat und den Knochen meines Zeigefingers sehen konnte wurde mir bewusst, dass ich mich doch ziemlich doll geratscht haben musste. Als der Finger sich dann auch nicht mehr so gut bewegen ließ, kam mir der Gedanke, vielleicht doch zu einem Arzt zu gehen. Der würde das schon verbinden und wenn ich nach Hause käme, würde es keinem auffallen. Bloß nicht zuhause anrufen, mit 15 betrunken zu sein käme sicher nicht doll.

Als ich dann im Krankenhaus war und der Arzt sagte, ich müsse sofort in eine andere Klinik fahren und operiert werden, wenn der Finger nicht auf ewig steif bleiben sollte, fing ich an zu heulen. Ich heulte so sehr, dass meine beste Freundin meine Eltern anrufen musst - nachts um drei. "Ich bin mit Charlotte im Krankenhaus und sie soll operiert werden", war ihr erster Satz. Die Reaktion meiner Mutter konnte ich zum Glück nicht hören. Auf jeden Fall hat sie in dieser Nacht sehr viel gebügelt, bis mein Vater und ich aus dem Klinikum zurückkamen. Alle Beugesehen waren durch, ich musste ein halbes Jahr lang eine Schiene tragen. Den Finger kann ich jetzt wieder verwenden.

Meine Mutter betont bis heute, dass die Sekunde bis sie wusste, dass es nur um den Finger und nicht um mein Leben geht, zu den furchtbarsten in ihrem Leben gehörten. Hast du auch so eine Geschichte? Wann hast du deine Eltern mal nachts anrufen müssen und ihnen einen ordentlichen Schreck eingejagt?



Text: charlotte-haunhorst - Bild: dpa

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