Nicknames vs. Klarnamen

Der Innenminister forderte ein Verbot von Klarnamen - das ist unrealistisch. Aber einmal anderum gefragt: Warum möchtest du anonym bleiben im Netz?
julia-siedelhofer
Default Bild

Illustration: Julia Schubert


Statt den eigenen Namen zu verwenden, sind viele Menschen im World Wide Web lieber anonym unterwegs. Damit soll jetzt Schluss sein: Auf dem neuen Netzwerk Google Plus muss jeder erkennbar sein und sich mit seinem Klarnamen, also dem Namen der auch auf dem Personalausweis steht, ausgeben. User mit Fakenamen sollen nach einer kurzen Vorwarnung gelöscht werden. Ganz neu ist diese Idee nicht, eigentlich wollte ja auch Facebook schon immer ein reines Klarnamen-Portal sein, aber wirklich durchgegriffen wurde nur selten. Zwar kam es auch schon im Zuckerberg’schen Netzwerk vor, dass User mit Nachnamen wie beispielsweise „Erdbeere“ gelöscht wurden, aber die Zahlen der gelöschten Profile hielten sich Grenzen.

Dass Google Plus nun Ernst machen möchte mit der „Real-Namen-Politik“, ruft viele Gegenstimmen auf den Plan – so zum Beispiel auch die Forscherin Danah Boyd, die für Microsoft Research arbeitet. Auf ihrer Seite www.danah.org vertritt sie die These, dass es vor allem für Menschen aus sozial benachteiligten Gruppen wichtig sein kann, anonym bleiben – aus Angst vor Anfeindungen oder sogar Stalking. Aber es gibt durch aus noch mehr Gründe, warum viele Nutzer im Internet lieber weniger von sich preisgeben – beispielsweise um Job und Privatleben zu trennen oder auch, weil sie schon mal einem Stalker zum Opfer gefallen sind. Diese Schutzfunktion, die ein rein fiktiver Name bieten kann, fällt mit den Google Plus-Auflagen weg. Auf ihrer Homepage schreibt Danah Boyd weiter: „Die Menschen, die sich am häufigsten Pseudonyme zulegen, sind diejenigen, die von einem Machtsystem an den Rand gedrängt werden. Eine „Reale Namen“-Politik zu fahren macht das nicht besser; das ist mehr eine autoritäre Durchsetzung von Macht über angreifbare Menschen.“

Also – eine Unterdrückung der „Schwachen“ durch die Auflage, dass jeder seinen echten Namen benutzen muss? Oder kann die Real-Namen-Vorschrift nicht auch gerade solche kriminellen Vorfälle im Internet unterdrücken? Denn: Die Hemmschwelle, andere Menschen im Internet zu beschimpfen oder zu belästigen, ist niedriger, wenn die User nicht ihren richtigen Namen angeben müssen – wer kann schon zurückverfolgen, wer tatsächlich hinter „Bighater89“ steckt? Die Microsoft-Forscherin kommt in ihrem Plädoyer gegen Klarnamen auf jeden Fall zu dem Schluss: „Aus meiner Sicht ist es ein Machtmissbrauch, wenn man eine „Reale Namen“-Politik im Online-Bereich durchsetzt.“

Der richtige Name oder lieber ein Pseudonym – warum willst du anonym bleiben? Steigt die Sicherheit, wenn alle ihren echten Namen angeben müssen? Oder überwiegt dann das Risiko, dass Menschen aus beispielsweise sozial benachteiligten Gruppen auch im „richtigen Leben“ Opfer von Stalking und Anfeindungen werden können?

  • teilen
  • schließen