Oje, das Volk spricht.

Demokratische Überaschung: Jetzt dürfen die Griechen ihr Schicksal selber bestimmen. Gute Idee. Oder?
max-scharnigg
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Illustration: Julia Schubert


Schneller als die Politiker waren wieder die Börsen – nach der überraschenden Ankündigung, Griechenland solle in einer Volksabstimmung über die Maßnahmen zur Schuldenbekämpfung abstimmen, verloren die beteiligten Kurse einmal mehr den Boden unter den Füßen, es wurde in Panik abgestoßen und vermeintlich sichere Werte angekauft, der Eurokurs zeigte steil nach unten. Erst danach tröpfelten die Stellungsnahmen der diversen EU-Spitzen und Rettungsschirmhersteller in die Nachrichtenagenturen. Von einem merkwürdigen, unerwarteten Schritt, wurde da gesprochen, auch von einer mutigen aber riskanten Entscheidung.

Dabei ist es, zumal im Mutterland der Demokratie, doch eine nachvollziehbare Sache, zu der sich Regierungschef Papandreou durchgerungen hat. Das griechische Volk soll abstimmen, ob es die radikalen Sparprogramme und Einschnitte weiterhin ertragen möchte, die der Staat schon seit Monaten unternimmt, um der EU seinen guten Willen zu signalisieren und um die hunderten fremder Milliarden zu rechtfertigen, die den maroden Staat stützen. Genauso lange schon protestieren die Griechen gegen diese Rosskur und fühlen sich ungerecht behandelt oder schon über die Maßen geschröpft. Kommt nun ein Referendum, kann die Volksstimme über eine „Weiter!“ oder „Stopp!“ entscheiden, und genau das ist es, was den anderen Staatenlenkern Angst macht.

Sagen die zornigen Griechen „Stopp!“, ist das ganze komplizierte Gefeilsche und Geknote um Hilfspakte und Kreditzusagen hinfällig. Der Bummelschüler geht nicht mehr zur Nachhilfe, also - fällt er wohl durch. Dann käme wohl jenes Szenario zum Tragen, das seit Monaten nur hinter vorgehaltener Hand diskutiert wird, der Ausstieg der Griechen aus der Eurozone, eine neue Drachme und die restlichen Euroländer müssen sich darum kümmern, das Haus kontrolliert abbrennen zu lassen und Übergriffe zu vermeiden. Schade um die vielen Rettungs- und Krisengipfel und alles nur, weil ein Volk sich in ganz normaler Demokratie übt.

 Also – wie bewertest du den Vorgang? Richtiger Schritt zur falschen Zeit? Großartige Idee von Papandreou, endlich hört er mal auf sein Volk? Oder gibt es außenpolitische und wirtschaftsdiplomatische Situationen, in denen die Innenpolitik und der einzelne Bürger lieber nicht mitreden sollten, schon der Kurspanik an der Börse wegen? Und was würde ein Ausscheiden Griechenlands für uns bedeuten?


Text: max-scharnigg - Foto: dpa

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