Sehr jung, sehr hardcore. Warum setzt junge Literatur fast immer auf Exzess?

Identifizieren wir uns mit der voll-verspulten Protagonistin in Helene Hegemanns Debütroman? Sollen wir uns drüber aufregen? Oder muss junges Schreiben einfach immer abgründig sein?
max-scharnigg
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Illustration: Julia Schubert

Helene Hegemann hat einen Roman geschrieben. Das ist nicht die Story, die derzeit in allen maßgeblichen Feuilletons zu lesen ist. Die geht so: Helene Hegemann hat ein Buch geschrieben mit viel Drogen und Sex und ist doch erst 17 Jahre alt und außerdem die Tochter des bekannten Berliner Theaterdramaturgen Carl Hegemann. In den nächsten Sätzen fallen bisweilen noch die Worte Wunderkind und Literaturstar. Das muss wohl so sein, bis zu einer gewissen Grenze spielt dieses Alter immer die größere Rolle, als das damit produzierte Werk. Jedes Jahr tauchen in Literatur und Pop sehr junge Überflieger ins Scheinwerferlicht - sie hießen etwa Benjamin Lebert oder Benedict Wells und jetzt Helene Hegemann. Ihr Lebenslauf klingt tatsächlich eher nach einer 37-Jährigen. Sie hat nicht nur bereits ein Theaterstück erfolgreich auf die Bühne gebracht, sondern auch – mit 14 - das Drehbuch für einen Spielfilm geschrieben, der 2009 unter ihrer Regie in die Kinos kam und den Max-Ophüls-Preis gewann. Vermutlich ist also Helene Hegemann tatsächlich ein Wunderkind und sehr fleißig obendrein. Aber irgendwie ist der vage Genie-Verdacht auch das Einzige, was man aus dem Roman „Axolotl Roadkill“ so recht wohlwollend ableiten kann. Abseits des SoJung!-Geraschels, netto gewissermaßen, ist das ein bisweilen unlesbar verschachtelter Hirnrinden-Monolog bzw. verspultes Taumelprotokoll inklusive freiem Assoziieren und Abschweifen. Es springt und vögelt sich so durch die diversen Bewusstseinsebenen und als Leser fühlt man sich ab der fünften Seite, als hätte man aus Versehen eine nervige Exzess-Flatline unterschrieben. Nicht schlimm, Hegemanns Prosa entspricht damit eben genau dem, was von der Elterngeneration unter junger, wilder Literatur verstanden wird und zwar ziemlich genau seit der Beat-Clique und den Herren Kerouac, Burruoghs und Co. Seitdem gehören Drogen und Sex in der zeitgenössisch jeweils zügellosten Form zum Pflichtprogramm jüngster Literaten, ergänzt jeweils um Variationen der Themen Gewalt, Kriminalität oder Scheißegalsein. Die Tickerfrage heute lautet: Warum ist das so? Wessen Wirklichkeit bilden die Drogenmonologe und ausschweifende Abgründe vieler Jungliteraten ab? Wirklich unsere? Sind die jungen Künstler gewissermaßen verpflichtet, stellvertretend das Extrem zu suchen und zu schildern? Auch heute noch? Oder sind diese Themen nur eben dankbare Inhalte für Skandalleser und die Kombination jung+versaut ein tolles Marketingversprechen? Würde dein Debütroman auch den Exzess thematisieren? Oder eher das ganz normale Leben?

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