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Stell dir vor, hier wäre Krieg.

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„Wohin würdest Du gehen?“, fragt Janne Teller. Wohin würdest du gehen, wenn um dich herum die Grausamkeit herrscht: der echte Krieg. Nicht irgendwo auf der Welt, sondern hier, direkt vor deiner Tür, direkt über deinem Haus. In einem Gedankenexperiment gibt die dänische Autorin dem Krieg ein Gesicht. Sie wechselt in ihrem Essay „Krieg: stell dir vor, er wäre hier“ einmal die Perspektive und versetzt dich in die Lage eines Kriegsflüchtlings. Es ist ein kleines Büchlein im Reisepassformat. Für eine Reise in eine andere Welt in ein anderes Leben.   

Was würde passieren, wenn es heißt: „In der neuen Welt darf keiner Demokrat sein.“ Wenn auf einmal Faschisten die Macht übernehmen. Wenn du nur noch in Kälte, Hunger und Angst lebst? Wenn es keinen anderen Ausweg mehr gibt als eine Flucht in ein fremdes Land, eine fremde Kultur? In der fiktiven Geschichte von Teller flieht der jugendliche Protagonist aus Deutschland mit einem Teil seiner Familie nach Ägypten in ein Flüchtlingslager. Aus seinen Augen siehst du das Szenarium: Ohne Aufenthaltsgenehmigung keine Schule. Und ohne Schule kein Arabisch und ohne Sprache keine Arbeit. Zwei Jahre später bekommst du Asyl. Dafür musst du dankbar sein.  

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert



Irgendwie gewöhnst du dich dann an dein Leben. Du schlägst dich so durch. „Daran als Mensch dritter Klasse betrachtet zu werden, gewöhnst du dich nie.“ Es ist ein Leben als Fremder. Jahre später ist der Krieg in Deutschland vorbei, du könntest wieder zurück nach Hause gehen, in deine verstörte und zerstörte Heimat. Aber du bleibst ein Fremder. Willst du überhaupt noch zurück?   

Nach 54 Seiten erschreckender Vision schreibt Teller im Nachwort, dass Migration das Thema ist. Das Thema der Wirklichkeit. „Wenn bei uns Krieg wäre...“ Dieses „wenn“ macht es fiktiv. Dabei war es noch vor sechs Jahrzehnten real. Teller hofft, dass Verständnis das ist, wonach wir alle, oder wenigstens die meisten von uns in Europa, streben, um das Leben der anderen nachzuvollziehen. Denn, so sagt sie: „Dafür sind wir alle verantwortlich.“   

Könnt Ihr Euch in ein Leben mit Krieg hineinversetzen? Was sagt Ihr allein zu der Vorstellung, wenn der Spieß einmal umgedreht würde und die Deutschen in die arabischen Länder fliehen müssten? Könnt Ihr das Schicksal von Kriegsflüchtlingen teilen? Oder sollte man sich solche Gedanken besser nicht machen, weil doch hier zum Glück kein Krieg ist?

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