Stichwort Abschlussarbeit: Wie gut muss man seine Literatur kennen?

Laut einer US-Studie zitieren Studenten dauernd Texte, die sie bestenfalls angelesen haben, um ihren Fußnotenapparat zu füllen. Darf man das?
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Da kann man sich für die Seminararbeit wochenlang furchtbar kluge Gedannken gemacht haben, die spannendsten Theorien aufstellen oder die überraschendsten Forschungsergebnisse präsentieren: Ohne ein beeindruckendes Literaturverzeichnis, in dem man sämtliche Koryphäen der eigenen Disziplin versammelt hat, darf man sich an der Uni üblicherweise keine Hoffnungen auf eine gute Note machen. Mancher Dozent gibt gar Regeln aus, von wegen: Fürs Bestehen bitteschön müssten so und so viele Werke pro geschriebener Seite konsultiert werden.

Hinter solchen Vorgaben steht eigentlich das angenehm bescheidene akademische Selbstverständnis, selbst nur ein wissenschaftlicher Zwerg zu sein. Bloß weil man es sich auf den Schultern von Giganten bequem macht, kann man weit hinaus in die Welt blicken und die wissenschaftliche Erkenntnis mehren. Wer zitiert, zeigt aber nicht nur Respekt vor den Leistungen der Vorgänger, sondern auch, dass er sich auf seinem Gebiet auskennt und weiß, was er tut. Hat man doch schließlich alle relevanten Veröffentlichungen zum eigenen Thema gründlich gelesen. Oder auch nicht.

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Illustration: Julia Schubert

Studenten in der Uni-Bib von Konstanz.

Eine Studie der beiden Wissenschaftlerinnen Sandra Jamieson und Rebecca Moore Howard zeigt jetzt: Viele kennen das, was sie zitieren vielleicht gar nicht richtig. Im Rahmen ihres sogenannten "Citation Projects" haben die Forscherinnen 174 studentische Aufsätze aus 16 Colleges und Hochschulen in den USA analysiert. Ergebnis: 77 Prozent der Zitate bezogen sich auf die ersten drei Seiten der Quellen, fast die Hälfte aller Zitate stammten sogar von der ersten Seite. Nur in neun Prozent der Fälle hatten die Studenten mit einem Zitat jenseits von Seite acht erkennen lassen, dass sie tiefer in die Lektüre eingestiegen waren. 96 Prozent der Aufsätze, so die Forscherinnen, würden nicht den Eindruck erwecken, dass die Autoren sich mit den Quellen ernsthaft auseinandergesetzt hätten.       

Der Verdacht liegt also nahe, dass ein Großteil der Studenten das Literaturverzeichnis mit bestenfalls schnell angelesenen Quellen pimpt. Mal ganz davon abgesehen, dass man an der Uni irgendwann feststellen dürfte, dass sich die wesentlichen Passagen einer wissenschaftlichen Veröffentlichung eher an ihrem Ende befinden dürften, wo ja für gewöhnlich der Ergebnisteil angesiedelt ist: Findest du das okay? Oder sagst du, das Literaturverzeichnis aufzumotzen ist schon Guttenberg light? Hast du selbst mal deinen Fußnotenapparat aufgeblasen? Wieviele der Bücher und Aufsätze aus dem Anhang deiner letzten Hausarbeit oder deiner Abschlussarbeit hast du tatsächlich gründlich gelesen?

Text: juliane-frisse - Foto: dpa

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