Vergiss es

Das Netz hat ein gutes Gedächtnis, spätestens haltbar bis bald. Bist du für ein Verfallsdatum von Internetdaten?
jurek-skrobala

Mit dem digitalen Radiergummi hat Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner einen frühen Vorschlag fürs Unwort des Jahres eingereicht. Und eine Debatte angestoßen: Brauchen wir mehr Einfluss auf die Frage, wie lange die eigenen Spuren im Netz sichtbar sein sollen? Schnell denkt man an das Blitzdings aus „Men in Black". Oder an den Gondry-Film „Vergiss mein nicht", in dem eine Apparatur gestattet, die Erinnerung an den Ex-Partner aus dem Gedächtnis zu tilgen: Manchmal ist es gut, vergessen zu können.

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Illustration: Julia Schubert



Diese These hat Viktor Mayer-Schönberger, derzeit Professor am Oxford Internet Institute, im Bezug auf die Netzkultur formuliert. Im Internet wünscht er sich „ein Vergessen, das den Menschen zum Mittelpunkt macht", sagte Mayer-Schönberger am Dienstag gegenüber ZEIT ONLINE. Aigner griff diesen Gedanken auf und versuchte sich an einer konkreten Umsetzung des gedachten Radiergummis: Ein Saarbrücker Team um den Informatiker Michael Backes entwickelte die Software X-pire, die kommende Woche auf den Markt kommen und zwei Euro pro Monat kosten soll. Mit X-pire lassen sich online veröffentlichte Informationen mit einem Verfallsdatum versehen. Sie werden kodiert und sind nach der Frist im Internet nicht mehr sichtbar.

Mayer-Schönberger begrüßte diese Schritte und wies zugleich darauf hin, dass neben der Technik vor allem der Diskurs entscheidend sei, um dem Thema nachhaltig zu begegnen. Kritik kam unter anderem vom Chaos Computer Club. Sprecher Frank Rosengart nannte Aigners Radierer „eine der dämlichsten Ideen, die uns in der letzten Zeit untergekommen sind". Andere Internetnutzer könnten die Fotos vor dem Ablauf der Frist herunterladen, auf ihrem Rechner deponieren und auch nach Ende der Online-Haltbarkeit wieder ins Netz stellen.

Ist die Sicherheit, die X-pire suggerieren möchte, also bloß Fassade? Brauchen wir überhaupt eine Löschvorrichtung für unsere digitalen Spuren? Wieso sollen wir auf einmal vergessen müssen, wo sonst so oft von uns verlangt wird, sich zu erinnern? Oder sind Aigners Bemühungen notwendig, um sich ein – wie sie sich ausdrückt – „Recht auf Vergessen" im Netz zu bewahren?

Text: jurek-skrobala - Bild: ddp

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