Verknallt ins Landleben

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Von der „Landlust“ wurden zuletzt über eine Million Hefte pro Ausgabe verkauft. Das Magazins aus dem Landwirtschaftsverlag hat damit jetzt eine höhere Auflage als der „Spiegel“. Der Erfolg der "Landlust" wird in der Medienbranche schon seit einiger Zeit bestaunt. Lauter Klone wie „Landidee“ oder „Liebes Land“ wurden auf den Markt geworfen. Zuletzt kam mit „Päng!“ sogar noch eine Art „Landlust“ für „Neon“-Leser dazu. Doch nun, wo die symbolische Millionenmarke überschritten und auch noch das Nachrichtenmagazin Nummer Eins abgehängt wurde, reiben sich viele Medienmenschen eben doch ein bisschen sehr verwundert die Augen, schließlich ist die „Landlust“ ein sogenanntes „Special Interest“-Magazin.  

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Illustration: Julia Schubert



Vielleicht ist aber das Interesse für „die schönsten Seiten des Landlebens“, wie es in der Selbstdarstellung des Magazins heißt, eben gar nicht so speziell. Offenbar gibt es da draußen ja sehr, sehr viele Menschen, die gerne Anleitungen zum Bauen von Vogelhäusern und Flechten von Kränzen aus Löwenzahn lesen. Denen der Thrill von Überschriften wie „Ein Garten voller Gegensätze“ völlig ausreicht und tägliche Eilmeldungen auf den Nachrichtenportalen einfach zu unbeschaulich sind.   

Oft frage ich mich, wer für die Bilder von der verklärten ländlichen Idylle empfänglich ist – außer meiner Mutter. Die Sehnsucht nach dem Landleben, denke ich dann, kann doch nur haben, wer die Hölle der Provinz nicht ertragen musste. Ich bin in einem sehr kleinen, sehr ländlichen Vorort aufgewachsen. Als ich sieben Jahre alt war, schloss der kleine Tante-Emma-Laden, ein paar Jahre später die Dorfkneipe. Außer Schützenfest und Karneval und Saufgelage passierte dort nicht viel. Wenn man vor all der Vereinsmeierei und Langeweile in die Stadt fliehen wollte, war man vor dem Besitz eines Führerscheins völlig aufgeschmissen: Der letzte Regionalzug nach Hause fuhr um 20:19 Uhr. Die Bauernhöfe in der Umgebung waren auch nicht romantisch-urig mit krähendem Hahn, knarzendem Gebälk und buntem Gemüsegarten. Die Landwirte dort haben Hühnerställe, in denen die Tiere so eng aufeinanderhocken, dass man, wenn man es gesehen hat, niemals mehr ein Frühstücksei ohne schlechtes Gewissen essen kann. Außerdem stinkt es nach Gülle.  

Glaubst du, es zieht einen nur aufs Land, wenn man die Provinz nicht kennt? Oder ist es genau umgekehrt, dass sich jedes Landei irgendwann zurücksehnt? Träumst du selbst vom einfachen Leben auf dem Land? Bekenne dich: Bist du etwa gar einer von den vielen „Landlust“-Lesern? 



Text: juliane-frisse - Foto: dpa

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