Wann fängt das an, dass man sich unter Gleichaltrigen siezt?

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Es ist ja so: Als kleines Kind duzt man noch jeden, das ist einfach. Als großes Kind lernt man dann, dass es Menschen gibt, die man nicht duzt: fremde Erwachsene zum Beispiel. Also duzt man eben nur noch enge Bekannte und, vor allem, die eigenen Altersgenossen.

Dann kommt aber der Moment, in dem auch diese einfache Regel den ersten Knacks bekommt: Man wird plötzlich selbst zum ersten Mal gesiezt, vielleicht sogar von jemanden, der nur knapp älter ist, als man selbst. So etwas passiert oft an Supermarktkassen und wird dann sofort in der Clique groß rausposaunt. Ist ja auch ganz schön aufregend, denn der Moment, in dem man von seiner Umwelt fast ausnahmslos gesiezt wird und somit richtig erwachsen ist, rückt greifbar nah.  

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Illustration: Julia Schubert



Ich selbst aber frage mich zur Zeit: Wo zur Hölle bleibt dieser Moment? Obwohl ich seit Längerem gesetzmäßig erwachsen bin und mich nur noch mit anderen gesetzmäßig Erwachsenen umgebe, gilt für mich instinktiv immer noch die alte Kinderregel: Alle Gleichaltrigen werden geduzt. Egal ob ich in der Bank stehe oder beim Arzt, egal ob ich im Klamottenladen nach einer Hose frage oder eine geschäftliche Email an eine fremde Person schicke: Ist sie ungefähr in meinem Alter (und ich sehe oder merke das) kann ich diese Person einfach nicht siezen! Ich verhaspele mich in einem peinlichen Hin- und Her zwischen Duzen und Siezen, weil es mir scheinheilig und aufgesetzt vorkäme, wenn wir uns nun konsequent siezten, obwohl wir vor fünf Jahren noch Klassenkameraden hätten sein können. Andererseits wäre es mir unangenehm, wenn sich mein fremder Altersgenosse von mir respektlos behandelt fühlt, weil er Wert darauf legt, eben doch schon gesiezt zu werden. Mein ganz persönliches Duz- und Siezverhalten befindet sich also gerade in einer komplizierten Pubertät und um das abzuwenden würde ich am liebsten und für immer fröhlich weiterduzen, und zwar alles und jeden.  Einige Leute sagen, das sei bloß meinem beruflichen Umfeld geschuldet. Immerhin arbeite ich in einem jungen, lockeren Team - da sei ich das Siezen einfach noch nicht so gewohnt, wie jemand, der gerade seine Banklehre abgeschlossen hat, jeden Tag im Anzug in die Arbeit muss und sich dementsprechend gezügelt verhalten muss. Aber stimmt das? Ab wann und aufgrund welcher Indizien bezeichnet man sich selbst als einen siezpflichtigen Erwachsenen? Welche Gleichaltrigen muss ich siezen? Jene, die bierernst und autoritär aus der Wäsche gucken? Jene, die beruflich mindestens dreimal so qualifiziert sind wie ich? Oder erst dann, wenn wir wegen altersbedingter Gebrechen und Verschrobenheit unübersehbar zu Siezmenschen geworden sind? Vielleicht ist es aber auch ganz anders und das Ganze hat nichts mit einer Siezpubertät zu tun, sondern mit der Zeit in der ich lebe. Stirbt das Siezen gerade aus? Etwa durch die fortschreitende Anglizismisierung? Oder dadurch, dass nicht nur soziale Medien, sondern auch der immer aufgeklärtere Zeitgeist die Grenzen zwischen Privatem (Duzen) und Nicht-Privaten (Siezen) langsam aber sicher ausradieren? Was glaubst du? 


Text: mercedes-lauenstein - Foto: kallejipp / photocase.com

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