Wann hast du nicht geholfen?

Jeder kann von einer Situation erzählen, in der er Zivilcourage bewiesen und geholfen hat. Und es ist schön, das zu erzählen. Was man lieber verschweigt: Dass man ab und zu auch mal wegsieht und nicht hilft. War das bei dir der Fall?
nadja-schlueter

Man geht über die Wiesn oder ein anderes Volksfest und sieht eine Schlägerei. Müsste man eigentlich eingreifen, oder? Man sieht einen Mann in der Ecke der U-Bahn-Station liegen. Müsste man eigentlich mal nachfragen, oder? In der Bahn pöbelt ein Typ eine Gruppe Mädchen an, denen ist das unangenehm. Müsste man eigentlich was sagen, oder?  

Auf die Fragen rufen jetzt sowieso alle: Ja, müsste man! Und viele: Habe ich auch echt schon mal gemacht! Ich habe mal geholfen und mal was gesagt, mal den Notarzt oder die Polizei gerufen, bin mal dazwischen gegangen. Jeder kann seine eigene kleine Geschichte von Zivilcourage erzählen, auf die er stolz ist.  

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Illustration: Julia Schubert

Wann bist du mal vorbeigegangen?

Aber genauso kann fast jeder seine eigene kleine Geschichte von der verpassten Zivilcourage erzählen. Von dem Moment, in dem man zu viel Angst hatte, selbst eine abzukriegen, wenn man zwischen die Pöbler geht. Dem einen Abend, an dem man miese Laune hatte und im Stress war und darum den weggetreten auf dem Boden Sitzenden nicht angesprochen, sondern „Besoffen, selbst Schuld!“ gedacht hat. Der Sekunde, in der man unfassbar erleichtert war, jetzt sowieso aussteigen zu müssen aus der Bahn. Und fast jeder kann von dem schlechten Gewissen erzählen, das danach kommt. Vielleicht wurde jemand schwer verletzt, weil man nichts getan hat. Vielleicht war der Weggetretene gar nicht betrunken, sondern hatte einen Zuckerschock. Vielleicht ist der Mädchen-Gruppe in der Bahn doch noch was passiert. Zwei, drei Tage kann so ein schlechtes Gewissen bleiben und einen drei Monate später noch einmal plötzlich überkommen. Dann nimmt man sich vor, es beim nächsten Mal besser zu machen. Hoffentlich.

Die guten Zivilcourage-Geschichten erzählt man gerne. Die von der verpassten Zivilcourage nicht. Aber der Ticker ist ja der Ort für Ehrlichkeit. Darum raus mit der Sprache: Wann hast du nicht geholfen? Wann hast du weggesehen, eine Chance für eine gute Tat verpasst, jemandem im Stich gelassen? Und: Tut dir das heute noch leid, wenn du daran denkst?

Text: nadja-schlueter - Foto: 3format / photocase.de

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