Wann ist man fürs Klavierspielen zu alt?

Manche sagen: Mit 20 ist man fürs Ballett zu alt, mit 30 fürs Klavierspielen und mit 40 für ein neues Studium - lassen wir uns im Leben zu schnell als zu alt abstempeln und fangen deswegen keine neuen Sachen an?
peter-wagner
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Illustration: Julia Schubert

Vergangene Woche war ich bei meiner Haus- und Hoffriseurin, die wegen meiner Anspruchslosigkeit nicht viel fragen muss, so dass wir meist gleich über Dinge plaudern können. Im ersten Gesprächsthemenblock ging es, das ist in München und Umgebung zu dieser Jahreszeit Vorschrift, ums Skifahren. Warst du schon oder gehst du noch? Die Antwort wird mit Einsprengseln garniert, in denen man zum Beispiel erklärt, warum man beruflich und privat und vielleicht ja auch gesundheitlich bislang verhindert gewesen sei, dem Pistenlauf nachzugehen. Und zack: biste mittendrin im schönsten Smalltalk. Soweit sind wir aber Tatsache dann gar nicht gekommen, weil meine Hairstylistin mir steckte, dass sie vor kurzem, also mit 48 Jahren, das Skifahren erlernt habe. Eine Woche Vollgaskurs und brennende Oberschenkel, seitdem heizt sie die Hänge runter. Ich dachte mir: Respekt. Die Kundin neben mir im Stuhl sagte: Wie bitte? Sie hätte das Fahren mit 22 gelernt und da habe es schon geheißen, das sei spät. Daraufhin habe ich eingeworfen, dass ich sehr gerne Klavierspielen können würde und sie hat gleich nochmal den Kopf geschüttelt und den "Zu spät"-Button gedrückt. Dann wurde ich aufmüpfig und habe, weil ich das nämlich von meiner Mutter weiß, auf Marianne Koch verwiesen. Die hat mal Filme mit Clint Eastwood gemacht und im Alter von 40 Jahren ihr Medizinstudium wieder aufgenommen. Und fertig bekommen. Und mit 48 Jahren war sie eine Frau Doktor der Medizin. Mit 40 nochmal Medizin studieren? Mit 30 nochmal Klavierspielen lernen? Mit 20 in den Ballettunterricht? Lassen wir uns zu schnell als zu alt für einen Neuanfang abstempeln?

Text: peter-wagner - Foto: dpa

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