Was macht die perfekte Bibliothek aus?

In Stuttgart wurde neulich die neue Stadtbibliothek eröffnet. Bau und Entwurf kosteten knapp 80 Millionen Euro. Ergebnis: ein riesengroßer Klotz im Nichts. Doch wie muss die perfekte Bibliothek eigentlich sein?
charlotte-haunhorst

Mittlerweile ist ja eigentlich alles, was auf die Zahl "21" endet, in einem Umkreis von 100 Kilometer um Stuttgart ein Tabuthema. Eine Bibliothek, die auf eben jene Zahl endet, hat deshalb kein gutes Standing. Trotzdem gab man sich bei der Stuttgarter Regierung optimistisch und erteilte eine Baugenehmigung für die "Bibliothek21", Stuttgarts neue Stadtbibliothek. Im Gegensatz zu allen anderen S21 Projekten wurde diese auch fast zum Stichtag fertig und kostete fast nur soviel, wie zuvor veranschlagt. 80 Millionen Euro.

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Illustration: Julia Schubert

Von Außen.

Seit dem 24. Oktober ist sie nun öffentlich zugänglich, die "Stadtbibliothek am Mailänder Platz". Ein "kristalliner Kubus", wie die Bauherren sie liebevoll bezeichnen. Ein "Plattenbau" oder "Stammheim II", wie manche Zeitungen argwöhnten. Als großer grauer, nachts blau-beleuchteter Klotz steht sie mitten im Nichts. Denn auch der Mailänder Platz, der dem Titel nach ja etwas Italienisches, wenn nicht gar Internationales ausstrahlen sollte, ist bisher nur eine riesige Baugrube. Sollte Stuttgart 21 je beendet werden, soll hier auf den alten Gleisflächen ein neues Viertel entstehen.

Trotzdem darf eine Bibliothek natürlich nicht nur nach ihrem Äußeren bewertet werden, die inneren Werte zählen, im Stuttgarter Sinn sogar gleich doppelt. Ein riesengroßer leerer Raum, genannt "das Herz" erstreckt sich in der Mitte des Gebäudes über vier der insgesamt acht Etagen. Ein Raum "der Ruhe und Inspiration" sollte dies laut Architekt Eun Young Yi werden, was allerdings bei einem Raum ohne Türen schwierig ist. Stattdessen herrscht hier geschäftiges Treiben, Kinder testen das Echo ihrer spitzen Schreie. Außerhalb des Herz' kommt man endlich zum wahren Herzen jeder Bibliothek: den Büchern. Davon gibt es in Stuttgart wirklich jede Menge, ein automatisches Ausleihsystem ermöglicht die Aus- und Rückgabe bei Tag und Nacht. Wegen der weiß gestrichenen Wände, der weißen Regale und einer Industriedecke fühlt man sich allerdings trotzdem eher wie in einem Krankenhaus als in einer Bibliothek. Nur die grauen Abdrücke kleiner Patschefinger an den weißen Wänden erinnern daran, dass dieser Raum nicht steril ist.


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Illustration: Julia Schubert

Von Innen.

Erst ab der 5. Etage dann die Erleichterung. Hier endet "das Herz", stattdessen wird nun die komplette Grundfläche des Raumen für ein wunderschönes Wirrwar aus Treppenaufgängen und Bücherregalen genutzt. Endlich entsteht das "Bibliotheksgefühl", das Verlangen, sich eine riesengroße schwingende Leiter zu besorgen und damit die Bücherwände abzufahren. Zwar sitzen auch hier die Menschen auf kubischen, ungemütlichen Sitzblöcken, aber wenigstens lesen sie, anstatt das Echo zu testen.

Aber ist das alles überhaupt wichtig? Muss eine Bibliothek gemütlich sein, Flair haben? Oder ist sie tatsächlich nur ein Bücherknast zu praktischen Zwecken? Wie sieht deine perfekte Bibliothek aus?



Text: charlotte-haunhorst - Fotos: dpa

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