Welches Buch kannst du nicht fertig lesen?

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Auf meinem Nachttisch liegt, unter mehreren Schichten aufgehobener Zeitungsseiten vergraben sowie als Weckerpodest missbraucht, ein Buch. Es heißt: "Der Mann ohne Eigenschaften" von Robert Musil – ein Klassiker, Weltliteratur, österreichischer Barock der allerersten Sahne, ja, "Jahrhundertliteratur" nannte die Londoner "Times"  das Werk sogar.  

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Illustration: Julia Schubert

"Okay, ich versuch's noch ein Mal!"

Es liegt da schon lange, mindestens vier Monate. Manchmal entdecke ich es abends wieder. Das Lesezeichen lugt irgendwo im ersten Drittel zwischen den Seiten hervor und erinnert mich daran, dass ich das Buch noch lesen wollte. Unfinished business im Prinzip. Oft ziehe ich es dann mit schlechtem Gewissen aus dem Haufen, betrachte den altrosafarbenen Einband, schlage, wenn ich gut drauf bin, auch die Seite wieder auf, die mir das Lesezeichen anzeigt. Versuche zu verstehen, worum es gerade geht, blättere zurück – und lege es wieder weg. Ich schaffe es einfach nicht, es weiter zu lesen. Dabei finde ich es gut geschrieben. Auch ein Spannungsbogen fehlt mir nicht. Wahrscheinlich bin ich schlicht zu faul, die philosophische Rigorosität am Abend noch nachzuvollziehen.  

Die Folge ist, dass Musil weiter auf meinem Nachttisch schmoren muss. Ich schiebe es auf meine Konzentration, doch habe ich, seit ich sein Werk angefangen habe, schon mehrere andere Bücher ganz gelesen. Vielleicht sollte ich es einfach aufgeben und den Wälzer zurück ins Regal stellen. Erkennen, dass es nichts für mich ist. Später mal, oder so.  

Doch ein Buch nicht zu Ende zu lesen ist wie ein Essen zu bestellen und dann die Hälfte zurück in die Küche gehen zu lassen. Beides ist Verschwendung und für beides schämt man sich ein bisschen. Man erzählt es besser keinem. Dabei kann es vielfältige Gründe dafür geben, ein Buch nicht zu Ende zu lesen. Man kann gesättigt sein, also eigentlich keine Lust aufs Lesen haben. Oder, um das Bild auszureizen: Auch drei Krimis hintereinander können langweilig werden, so wie Nudeln zum Mittag- und zum Abendessen. Oder es schmeckt einem das Essen einfach nicht. Heißt: Dieses eine spezifische Buch hält man für großen Mist.

Beim "Mann ohne Eigenschaften" rede ich mir selber ein, dass ja auch Musil schon so seine Probleme mit der Geschichte hatte. Jedenfalls gibt es einen immensen Nachlass mit vielen verschiedenen Entwürfen für ein Ende des Romans, die der Autor immer wieder verworfen hatte. Klar, das ist selbstgefällig. Ganz ernst ist es mir mit dieser Ausrede ja auch nicht. Aber es hilft mir dabei, das Buch mit weniger schlechtem Gewissen wieder ins Regal zu räumen.  

Hast du ein Buch, das du nie fertig lesen wirst und warum? Oder bist du jemand, der alles immer zu Ende bringen muss? Wann merkst du, dass es mit einer Lektüre nichts mehr wird? Und ist es deine Schuld, wenn du einen Roman nicht fertig liest, oder die des Schriftstellers, der öde schreibt?

Text: nicola-staender - Foto: Raffiella / photocase.de

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