Wer hat das bessere Leben: der Einsiedler oder der Frequent Traveller?

Das richtige Leben muss jeder für sich selbst finden. Aber trotzdem eine Frage: Muss man für ein richtiges Leben die Welt gesehen haben?
peter-wagner

Eben fällt mir ein Radiobeitrag ein, den ich vor langer Zeit gehört habe. Für die kleine Geschichte hatte der Hörfunkreporter einen Bildhauer in einem abgelegenen Winkel Bayerns besucht. Der Stimme nach war der Mann schon recht alt aber ganz schön hell im Kopf. Im Dialekt erzählte er von seiner Arbeit, von seinen Tagesabläufen. Er war früher Landwirt und hat sich dann, als Autodidakt, beigebracht, wie man Figuren aus dem Holz haut. Mittlerweile scheint er es zu einer ansehnlichen Expertise gebracht zu haben. Soweit ich mich erinnere, wurde die Geschichte in Zusammenhang mit einer anstehenden Ausstellung ausgestrahlt. Der Reporter fragte allerhand Sachen, die man halt fragt, wenn man einen bäuerlichen Bildhauer besucht. Unter anderem ging es um die Tatsache, dass der Mann in seinem ganzen Leben nie gereist war. Es ging darum, wie kreativ und inspiriert man arbeiten kann, wenn man nicht schon tausend Orte gesehen hat. Der Bildhauer wusste mit dem Ansatz und vor allem mit der Frage nur wenig anzufangen. Sinngemäß sagte er: "Aber ich muss doch nix sehen, wenn alles in mir drin ist." Es klang ein bißchen wie aus dem Bilderbuch für einfache aber einleuchtende Welterklärungen. Aber der Spruch war doch so prägnant, dass er mir eine Weile nicht aus dem Hirn ging.

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Illustration: Julia Schubert

Reisefüße Immer wieder begegnen mir Menschen, die betonen, sie müssten eigentlich noch, vor der Familiengründung, um die Welt reisen. Einmal schnell alles anschauen, um sich dann, so scheint der Gedanke zu funktionieren, auf die Couch setzen zu können und den Rest des Lebens den Kindern beim Wachsen zuzuschauen. Gleichzeitig fällt mir auf, wie ich sogar selbst immer große Augen bekomme, wenn mir andere Menschen von ihren Reisen berichten, seien sie nun privat oder beruflich motiviert. Mein Eindruck ist aber, dass nicht nur ich über weitgereiste Menschen staune. Ganz generell scheint es als tolle Sache zu gelten, wenn man im Leben unterwegs sein darf, wenn man rumfliegen darf. Das signalisiert offenbar Wichtigkeit und Lebensnähe. Also: vermeintliche Lebensnähe. Nun überlege ich immer wieder neu, ob zum richtigen Leben eine ausgeprägte Reisetätigkeit gehört? Oder ist das ein bereits überkommener Gedanke? Hat der Bildhauer etwas von seinem Leben verpasst, wenn er nie gereist ist? Und nachdem das Reisen ja auch günstiger und leichter geworden ist: Gibt es so etwas wie einen Druck, die Welt zu erkunden?

Text: peter-wagner - Foto: dpa

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